„Das ist Deutschland hier“ – na denn Prost!

Ich weiß, ich bin wieder spät dran, da waren andere schneller. Aber es ist mir ein Anliegen. Unser potenzieller künftiger Außenminister Guido Westerwelle hat sich in der Pressekonferenz nach der Bundestagswahl gleich mal mit Ruhm bekleckert. Da sollte man doch mal laut über das Kompetenzprofil für gewisse Ämter nachdenken dürfen. Ich jedenfalls möchte mich von Ihnen nicht vertreten lassen, sehr geehrter Herr Westerwelle. Schon gar nicht im Ausland.

Was war passiert? In der Pressekonferenz fragt der Kollege der BBC höflich, ob er seine Frage auf englisch stellen dürfe, sicher nicht ohne Grund. Daraufhin druckst Westerwelle herum, weil er dies nicht möchte und verweist auf die Gepflogenheiten auf deutschen Pressekonferenzen. Die BBC fragt daraufhin auf deutsch, bekommt eine banale Antwort. Dann schiebt Westerwelle nach, man könne sich gerne mal zum Abendessen treffen und dort nur englisch sprechen. Offenbar wars ihm selber peinlich…

Nun ist es formal sicher korrekt, auf der Amtssprache zu beharren. Und man wird dem unverhofften Wahlsieger eine gewisse Nervosität zubilligen müssen angesichts dieses historischen Ereignisses. Von Souveränität eines künftigen Außenministers und Vizekanzlers zeugt der Lapsus indes nicht. Er wirkte richtig unbeholfen. Ich habe mich jedenfalls fremdgeschämt!

Germanys Größter Gaudi-Gigant (GGGG)

Am Donnerstag hatte ich das Vergnügen, Ottfried Fischer mit seinem aktuellen Programm im Münchner Schlachthof zu erleben. Vergnügen, weil ich ihn endlich von einer anderen als der bekannteren Fernsehseite gesehen habe. Und, weil er eine willkommene Abwechslung in einer speziellen Zeit ist.

Seine Wachheit, seine Sprachgewaltigkeit, sein Zynismus und seine Schärfe, die sich oft an der Grenze des politisch Korrekten bewegt, haben mich ebenso beeindruckt wie die Fundierung und der Tiefsinn, die hinter seinen Texten stecken. Schön auch, dass in den Raum nur 60 Menschen passten, wodurch eine gewisse Nähe simuliert wurde.

Trotz seiner Krankheit wirkt er sehr wach und konzentriert, nur die Sprache könnte manchmal klarer sein. Ich unterstelle mal, dass er seine Miete gerade so bezahlen kann. Demnach tourt er wohl aus Überzeugung. Und das ist schon ein Privileg: Das zu tun, wofür sein Herz schlägt.

Auch, wenn er das Programm wohl überall ähnlich darbietet, hats mir doch sehr viel Spaß gemacht. Das Leitthema ist die Heimat, wofür Fischer „nach 30 Jahren beruflicher Tätigkeit im heimatlichen Bereich“ als Experte gelten kann. „Da habe ich eine Kompetenzvermutung.“

Danke Ottfried Fischer. Sie treffen ins Schwarze, Sie stehen zu sich, beobachten gründlich und formulieren treffend. Wir haben sogar eins Ihrer Bücher erworben, ganz ohne die Buchhändlershow. Ich freu mich schon aufs Lesen!

Im Frühtau zu Berge

Zugegeben, den Frühtau haben wir verschlafen, und raufgefahren sind wir stilecht mit der Bahn. Aber auf dem Berg waren wir, und immerhin sind wir runter gelaufen und hatten geeignete Schuhe an – keine Selbstverständlichkeit auf dem Wendelstein. Wir also mittags rauf, Tür auf – Blasmusik. Herrlich. Die 30köpfigen Drecksau-Plattler mit Quetschn und Blechbläsern. Das hatte Musical-Elemente. Dazu 24 Grad und Sonnenschein. Was will man mehr?

An der Bergstation geht es zu wie am Stachus. Trotzdem entschließen wir uns, den Gipfelrundweg und zurück den Panoramaweg zu beschreiten. Nur schade, dass allerlei unpassend Gekleidete im Weg stehen. Auf dem Gipfel dann Nebel und singende Rentner. Es kann nur besser werden. Sie bauen ein neues Teleskop. Das würde heute auch nichts sehen.

Beim Abstieg bin ich froh, dass wir nicht raufgelaufen sind. Runter ist anstrengend genug. Und ich verfluche mich, dass wir die trendigen Stöcke nicht dabei haben, die man heute offenbar für jeden Berg braucht, der höher ist als die Bordsteinkante. Auf halber Höhe sehen wir dann den Rettungshubschrauber zur Rettung irgendeines unvorsichtigen Apostelbereiften einschweben. Ist doch ein voller Erfolg. Das Panorama ist jedenfalls atemberaubend schön. Wie auf den wahlplakaten der CSU. Nur ohne störende Politiker.

Der Tag klingt im Biergarten aus, ich habe Sonnenbrand. Und die ganze Woche Muskelkater. War trotzdem schöner als auf der Couch!

Zeit ist relativ

Ich hatte gerade das Privileg, mich von den Strapazen in Arbeit und Freizeit zu erholen. Drei Wochen am Stück, das gabs zuletzt in meiner Schulzeit, schätze ich. Ich habs sehr genossen, unterwegs zu sein und Abstand zu den Wirren und Zwängen des Alltags zu haben.

Die Zeit haben wir an Nord- und Ostsee verbracht. Start war auf den Halligen Langeneß und Hooge, weiter über Helgoland an die Ostsee nach Fehmarn, Hiddensee und Usedom. Wenn wir Fehmarn und Usedom mal außen vor lassen, war es ein wirklich schöner und entspannter Urlaub. Keine Autos, kein Stress, kein Gefühl für die Zeit. Frühstück und Abendesse strukturieren den Tag. Sonst nur Sinneseindrücke.

Neben der großartigen Landschaft hat mich vor allem die Abhängigkeit von der Natur und die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Naturgewalten beeindruckt. Besonders deutlich habe ich dieses Gefühl auf den Halligen gespürt. Die Menschen dort leben im Einklang mit der Natur und doch in ständiger Furcht vor ihr. Und wenn es „Land unter“ heißt und Vieh und Weidefläche bedroht sind, ziehen sich die Menschen auf ihre Warften zurück und retten, was zu retten ist. Das ist aber nicht etwa die Ausnahme, sondern die Regel in der Nordsee.

Diese Gefahr und die Abhängigkeit von Gezeiten und Fährverkehr bringen eine spezielle Lebenseinstellung mit sich. Ich bin sicher, dass sie auch das Wertesystem beeinflussen. Diese Ruhe und Gelassenheit haben mir Kraft gegeben, ich würde es sicher länger dort aushalten. Ich habe insbesondere nichts vermißt. Dieses unbeschreibliche Gefühl kondensiert meines Erachtens in einer Banalität: Auf den echten gelben Briefkästen steht bei Lehrung: Tideabhängig. Sonst nichts. Eine schöne Welt…

L’équipe franco-allemande

Ein Highlight auf Bahnreisen ist ja immer die Fremdsprachenkompetenz des Zugpersonals. Und Englisch klingt in Wirklichkeit auch nur mit sächsischem Dialekt richtig schön. Heute hatte ich allerdings ein Erlebnis der besonderen Art. Auf dem Weg nach Karlsruhe saß ich an Bord des TGV nach Paris, der von der Deutschen Bahn und der SNCF gemeinsam betrieben wird. Der deutsche Zugchef liest also die vorformulierten Texte gleich dreisprachig vor. Grausames Französisch, aber man kann eben nicht alles können. Besonderes Pech, dass sich ausgerechnet heute ein lebensmüder vor einen Zug wirft und wir dadurch eine Stunde Verspätung haben. Wenn das aber doch nicht auf dem Zettel steht… Die Improvisation am Mikrofon hat die Fahrgäste eher belustigt als informiert. Und die équipe franco-allemande ist gar nicht so vielsprachig wie beworben.

Ein nettes Detail: trotz Kooperation und Globalisierung kann der französische Schaffner Zugbegleiter leider die deutschen Onlinetickets nicht scannen – und andersrum, versteht sich…