Dankbare Erinnerung

Kaum zu glauben, dass es schon elf Jahre her ist, dass Frau Schilling gestorben ist. Trotz Alltagshektik muss ich oft an sie denken. Sie war unsere Kunstlehrerin und gleichzeitig vieles mehr. Sie hat mich ermutigt und inspiriert, ohne dass ich genau beschreiben könnte, wie und wozu. Aber ich weiß, dass sie und ihre Überzeugung heute Teil meiner Persönlichkeit sind.

Unvergessen der Tag, an dem wir von ihrem Tod erfahren. Sie stirbt viel zu früh, es trifft immer die Falschen. Krebs ist nie gerecht. Wir stellen uns zu dritt in den Schulhof, reichen uns die Hände, schweigen. Die Guten kommen vorbei, fragen nicht, verstehen ohne Worte, reihen sich ein. Zum Schluss sind wir viele, emotional tief bewegt und doch erleichtert, weil wir nicht allein sind. Dann kommen Szenen, Momente, Stunden und Aktionen, die ich nie vergessen werde. Die spontane Idee, ihr eine Sonderausgabe der Schülerzeitung zu widmen. „Bis wann?“ „In drei Tagen ist Beerdigung.“ (Jens): „Ich hol schon mal den Wagen.“ In nur einer Nacht entsteht eine dicke Sonderausgabe, mit Interviews, Nachrufen, Zusammenfassungen ihrer wunderbaren Theaterstücke. Einfach schön. Die Zeitung habe ich immer noch zu Hause. Eine schöne Gelegenheit, mal wieder reinzuschauen und mich an eine wirklich gute Zeit zu erinnen. Und an die Menschen, mit denen ich diesen Lebensabschnitt erlebt habe.

Dann die Beerdigung, wir verteilen die Sonderausgabe, nicht unumstritten. Wir weinen um ein Familienmitglied. Wir treffen uns anschließend zum Kaffee und freuen uns an den Momenten, die wir mit ihr erleben durften. Anschließend wandeln wir wie in Trance durch die Schule und weinen, weil sie fehlt. Schon faszinierend, was ein Lehrer bewirken kann, wenn er einen guten Job macht.

Schließlich der Pakt: wir treffen uns jedes Jahr zum Jahrestag und zu einem Ritual. No one but you in voller Lautstärke, anschließend ihren Brunnen sauber machen, dann zum Grab und einen Stein drauflegen. Es kam, was kommen mußte. Wir wurden älter, zogen weg, hatten Jobs und schafften es natürlich nicht, den Pakt zu erfüllen. Und dennoch verbindet uns noch heute etwas, das über Freundschaft hinausgeht. Wir sehen uns kaum, treffen uns selten, und dennoch teilen wir diese besonderen Erinnerungen. Das hat Kraft und ist echt. Dafür bin ich dankbar.