Bis in zehn Jahren!

„Eine gewisse XY hat mich zum Klassentreffen eingeladen. Kennst du die?“ schrieb mir ein Freund vor einigen Wochen. Klar kannte ich sie. Kaum zu glauben, dass es schon zehn Jahre her sein soll, seit wir gemeinsam Abitur gemacht haben. Am zweiten Weihnachtsfeiertag traf sich über die Hälfte unseres Abiturjahrgangs in der Schule, unserer ehemaligen Wirkungsstätte.

Ein komisches Gefühl, nach so vielen Jahren wieder an dem Ort zu sein, der einen viele Jahre geprägt hat. Neun Jahre habe ich hier verbracht, Tiefen, aber vor allem viele Höhen erlebt, wenn auch selten im Unterricht. Es war eine schöne Zeit damals und so viel Freiheit suche ich seitdem vergebens. Aber wir wollen ja nicht gleich sentimental werden. Den Auftakt des Abends macht also ein Rundgang durch unsere Schule. Unser Guide ist Teil unserer Vergangenheit, ich hatte ihn im Wirtschafts-LK. Lehrer aus Überzeugung, hart, aber fair. Er zeigt uns den Anbau, die provisorischen Klassenzimmer in Containern, die Cafeteria, die Mensa, die Schließfächer. Fast alles Dinge, für die wir schon damals gekämpft hatten. Die Schule ist also von 850 auf 1200 Schüler gewachsen, wirklich verändert hat sich aber nichts. Seltsam und schön zugleich.

Anschließend geht es weiter in eine örtliche Kneipe, den Lehrer nehmen wir natürlich mit. Mehr als die Hälfte des Jahrgangs ist gekommen, erstaunlich eigentlich, waren wir doch kein homogener Haufen, sondern eher viele höchst unterschiedliche Cliquen. Dann beginnen die klassischen Klassentreffengespräche: Wo bist du, was machst du, was ist aus… geworden. Tja was? Juristen, Architekten, Ingenieure, Sozialarbeiter, Unternehmensberater, Ärzte, Bühnenbildner, Tourismusmanager, Wirtschaftsexperten, Controller, Journalisten, all so was. Alle hoch qualifiziert, wenige verheiratet, kaum Eltern unter uns.

Die schönen Frauen sind noch schöner geworden, die Freaks sind Freaks geblieben. Den BWLer-Tisch lasse ich aus. Schon gegen Mitternacht löst sich die Runde auf, „bis in zehn Jahren“ verabschieden sich einige und verschwinden weiter ins Nachtleben. Seltsam oberflächlich bleiben die Gespräche, wenige scheinen sich wirklich Zeit zu nehmen für den Abend. Dabei sind wirklich einige sehr spannende Menschen unter uns.

Wenige Tage vor dem Klassentreffen hatte ich beim Umzug einen Text gefunden, den ich 1997 für die Schülerzeitung geschrieben hatte. „Menschen“ ist sein Titel und er handelt von Oberflächlichkeit, Freundschaft, Respekt, Revolution, Engagement, Gemeinschaft, großen Themen der Jugend also. Und der Gegenwart, wie sich an diesem Abend zeigt. Und klar wird: So sehr wir damals gegen das System aufbegehrt haben, so sehr sind wir heute Teil davon. Erschreckend, wie einen zehn Jahre Leben und Alltag verändern können.

Was also bleibt von diesem Abend der Erinnerung? Die Freude über einige Gespräche und Begegnungen, ein fader Beigeschmack und die Erkenntnis, dass wir uns verändert haben. Wo wir wohl in zehn Jahren stehen? Man darf gespannt sein.

Zeitreise in die eigene Jugend

Vor vielen Jahren sind wir mit unserer Jugendgruppe regelmäßig auf so genannte Nachtorientierungsläufe gefahren. Das ist im Prinzip eine Schnitzeljagd im Dunkeln. Zusätzlich müssen die Gruppen auf dem Parcours unterschiedliche Stationen meistern. Meistens kommt ein Motto und/oder eine Rahmenhandlung für die Veranstaltung dazu. Alles wird ehrenamtlich organisiert, die Teilnehmer kommen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Als wir noch jung waren sind wir zum Teil mehrmals pro Jahr mit dem Spaßmobil durch die Republik gefahren, um uns mit anderen zu messen. Ab und zu ist sogar ein Pokal rausgesprungen. Unsere beste Platzierung war meines Erachtens ein zweiter Platz in Hamburg.

Ich möchte die Veranstaltungen nicht missen, schließlich haben sie mich damals ein bißchen zum Draußi gemacht und vor allem die Gruppe zusammengeschweißt. Da sind echte Freundschaften, Rituale und Legenden entstanden. Und Spaß hatten wir jede Menge!

Was also lag näher, als nach langer Zeit ein Revival mit Allstar-Besetzung zu planen? Auch, wenn wir inzwischen alle im bürgerlichen Leben angekommen, unsere Knochen alt und träge und wir zu spießig für eine Nacht im Klassenzimmer auf dem Feldbett sind, war es eine klasse Erfahrung.

Start am Freitag (ganz spießig Urlaub genommen) nach gemeinsamem Frühstück, dann 1000 Kilometer gen Norden (ganz spießig den Reifendruck kontrolliert und das Navi dem Mc Donalds-Straßenatlas vorgezogen), Ankunft 19 Uhr, Stube bezogen, Abendessen, Start um 21:30. Die Rahmenhandlung: ein Kriminalfall. Alles sehr detailgetreu und liebevoll umgesetzt, teilweise immens aufwändig gestaltete Stationen. Leider waren Wegbeschreibung und unser Spürsinn nicht immer ideal, weswegen wir uns mehrmals verlaufen. Auch deshalb waren wir insgesamt 11 Stunden auf der Strecke. Ist lange her, dass mir eine „Feierabendhalbe“ so gut geschmeckt hat. Dementsprechend ging der Samstag auch im Wesentlichen fürs Schlafen drauf.

Die Duschen waren trotz Sicherheitsschlappen grenzwertig, das Essen mäßig, die Schmerzen schrecklich und die Siegerehrung am Samstag verkrampft. Wir belegen Platz 14 von 23, immerhin. Leider würdigt keiner unser biblisches Alter und die weite Anreise. Am Sonntag dann den ganzen Tag Heimreise, viele Staus, Erschöpfung.

Trotzdem war es jede Minute wert! Wir haben nichts verlernt und brauchen uns vor den Youngsters nicht verstecken. Nur der Ehrgeiz hat etwas gelitten, was an der fehlenden Verkleidung und am Ergebnis der sportlichen Stationen deutlich wird. Danke an alle für diese wunderbare Reise in meine Jugend!

Dankbare Erinnerung

Kaum zu glauben, dass es schon elf Jahre her ist, dass Frau Schilling gestorben ist. Trotz Alltagshektik muss ich oft an sie denken. Sie war unsere Kunstlehrerin und gleichzeitig vieles mehr. Sie hat mich ermutigt und inspiriert, ohne dass ich genau beschreiben könnte, wie und wozu. Aber ich weiß, dass sie und ihre Überzeugung heute Teil meiner Persönlichkeit sind.

Unvergessen der Tag, an dem wir von ihrem Tod erfahren. Sie stirbt viel zu früh, es trifft immer die Falschen. Krebs ist nie gerecht. Wir stellen uns zu dritt in den Schulhof, reichen uns die Hände, schweigen. Die Guten kommen vorbei, fragen nicht, verstehen ohne Worte, reihen sich ein. Zum Schluss sind wir viele, emotional tief bewegt und doch erleichtert, weil wir nicht allein sind. Dann kommen Szenen, Momente, Stunden und Aktionen, die ich nie vergessen werde. Die spontane Idee, ihr eine Sonderausgabe der Schülerzeitung zu widmen. „Bis wann?“ „In drei Tagen ist Beerdigung.“ (Jens): „Ich hol schon mal den Wagen.“ In nur einer Nacht entsteht eine dicke Sonderausgabe, mit Interviews, Nachrufen, Zusammenfassungen ihrer wunderbaren Theaterstücke. Einfach schön. Die Zeitung habe ich immer noch zu Hause. Eine schöne Gelegenheit, mal wieder reinzuschauen und mich an eine wirklich gute Zeit zu erinnen. Und an die Menschen, mit denen ich diesen Lebensabschnitt erlebt habe.

Dann die Beerdigung, wir verteilen die Sonderausgabe, nicht unumstritten. Wir weinen um ein Familienmitglied. Wir treffen uns anschließend zum Kaffee und freuen uns an den Momenten, die wir mit ihr erleben durften. Anschließend wandeln wir wie in Trance durch die Schule und weinen, weil sie fehlt. Schon faszinierend, was ein Lehrer bewirken kann, wenn er einen guten Job macht.

Schließlich der Pakt: wir treffen uns jedes Jahr zum Jahrestag und zu einem Ritual. No one but you in voller Lautstärke, anschließend ihren Brunnen sauber machen, dann zum Grab und einen Stein drauflegen. Es kam, was kommen mußte. Wir wurden älter, zogen weg, hatten Jobs und schafften es natürlich nicht, den Pakt zu erfüllen. Und dennoch verbindet uns noch heute etwas, das über Freundschaft hinausgeht. Wir sehen uns kaum, treffen uns selten, und dennoch teilen wir diese besonderen Erinnerungen. Das hat Kraft und ist echt. Dafür bin ich dankbar.