Kein Wunder vor Mogadischu

Ach, die Achtziger Jahre. Da war ich noch klein und durfte nur ab und an die Nachrichten anschauen. Gefühlt gab es auch damals schon überall Krieg aber zudem alle Nase lang eine Flugzeugentführung.  Die Liste der „notable aircraft hijackings“ aus der englischen Wikipedia bestätigt diese Ansicht. Die 70er, 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren das goldene Zeitalter für Flugzeugentführung. Dann kamen die Ereignisse des elften September und der Zirkus hatte ein Ende, zumindest fast.  Die Sicherheit auf Flughäfen wurde ins Unerträgliche gesteigert und seitdem ist fliegen noch unbequemer als früher, aber so sicher wie nie.

Anders in der Seefahrt. Das Problem der Piraterie ist so alt wie die Seefahrt an sich. Auf See ist man auf sich alleine gestellt, und anders als im Flugverkehr ist zusteigen während der Reise durchaus möglich. Das machten sich schon 70 Jahre vor Christi Geburt einige maritime Rabauken zu Nutze und störten den Handel der Weltmacht Rom empfindlich. Der Römer von damals hatte einen Rochus auf die Piraten, einen Rechtsstaat aber Eier. Man schaffte die Lex Gabinia, die es Gnaeus Pompeius Magnus ermöglichte mit einer Flotte von 500 Schiffen, 120.000 Infanteristen, 5000 Reitern und einem Budget von 36 Millionen Denaren augestattet, bis zu 50 Meilen tief ins Landesinnere, an allen Küsten des Mittelmeeres zu operieren. Und siehe da, die Getreideschiffe kamen wieder nach Rom.

Das auf die heutige Situation zu projezieren wäre weltfremd. Den Römern war assymetrische Kriegsführung wahrscheinlich ein Fremdwort und dementsprechend wurde durchgegriffen und die Überlebenden zwangsweise umgesiedelt. Vermutlich will derzeit niemand neben Afghanistan und dem Irak einen dritten Kriegsschauplatz in einem muslimischen Land. Die Situation ist trotzdem beschissen. Mindestens 17 gekaperte Handelsschiffe mit etwa 300 Crewmitgliedern liegen vor Somalia vor Anker, die Versicherungsprämien steigen (was letztendlich der Verbraucher zu bezahlen hat). Die Militärpräsenz am Horn von Afrika hat noch nicht wirklich zur Entspannung beigetragen. Der von den deutschen Behörden festgelegte Gefahrenbereich vor Somalia wurde gemeinerweise ohne Absprache durch die Piraten erweitert und ist fast unmöglich durch Marinekräfte vollständig und ökonomisch zu überwachen.

Wer garantiert denn, dass das Beispiel der somalischen Piraten nicht Schule macht. Es ist ja auch zu leicht ein Schiff zu hijacken. Man braucht ein paar günstige Waffen, wie sie in Afrika schon seit Jahrzehnten zum Einsatz kommen, ein seetaugliches Boot, das ein bißchen was über zwanzig Knoten schafft und einen Versorger. Dann sucht man sich ein nicht zu großes, nicht zu schnelles Opfer, ballert ihm eine vor oder in den Bug. Mehr als Feuerwehrschläuche hat die Besatzung nicht um sich zur Wehr zu setzen, schneller geht auch nicht und bevor jemand ins Gras beißt, dreht man bei. Auf bayerisch spricht man von einer gmahten Wiesn. Ein Kapitän fragt auf Fairplay:

„Is it human, civilised, fair or professional
to require mariners to use water hoses to pro-
tect the crew and ships from pirates carrying
guns and other kinds of modern weapons? For
those who treat the mariners like second-class
citizens, yes it is.“

Die Situation im Nachhinein zu entschärfen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, ist gefährlich und teuer. Der Versuch der ehemaligen Helden von Mogadischu, der GSG 9, die Hansa Stavanger gewaltsam zu befreien, wurde von unseren amerikanischen Bündnispartnern als zu risikoreich abgebrochen. Die Kosten der Aktion hat laut Spiegel „die Staatskasse mehr Millionen gekostet als alle Lösegeldzahlungen der vergangenen Jahre zusammen“.

Die Crew der „Maersk Alabama“, dem US-Containerschiff, welche die Piraten selbst vertrieb, werden derzeit in der Schifffahrtszene ein wenig wie Helden gefeiert. Ob ihre Maßnahmen jedoch zum Nachahmen einladen, wage ich zu bezweifeln. Nachdem die Besatzung merkte, dass sie angegriffen werden und dem Entern nichts mehr entgegenzusetzen haben, wurden sämtliche Motoren abgestellt und bis auf vier Leute, darunter der Kapitän, zog sich die Mannschaft in den Rudermaschinenraum zurück. Dieser Raum muss aus Sicherheitsgründen wasserdicht abgeschlossen werden können, weshalb verbarikadieren dort leichter fällt, als in anderen Schiffsräumen. Die Piraten konnten das Schiff also nicht manövrieren. Das Kaperboot war im Zuge des Enterns gekentert und somit war die Situation der Somalis ebenfalls ziemlich bescheiden. Auf einem manövrierunfähigen Schiff waren sie ideales Ziel für einen erfolgsversprechenden Einsatz der vor Ort befindlichen Marinen. Nachdem die Besatzung einen Piraten, der nach der versteckten Crew suchen sollte, verletzten und in ihre Gewahrsam brachten, verloren die drei übrigen Seeräuber die Nerven und zogen mit dem Kapitän in einem Rettungsboot von dannen, wurden gestellt und erschossen. Nach dieser Erfahrung, gibt es jetzt die Idee ‚Panikräume‚ an Bord von Seeschiffen einzurichten, in die sich die Besatzung zurückziehen kann um die Entführung „auszusitzen“. Mir persönlich würde die Idee nicht behagen, in einem verschlossenen Raum auf einem Schiff zu sitzen, ohne zu wissen was die Piraten/Terroristen aushecken. Versenken sie das Schiff, öffnen sie den Raum mit Schweissbrennern, legen sie aus Frust gleich Feuer.

Die Sicherheit im Hinblick auf Piraten und Terroristen soll seit 2002 der ISPS-Code erhöhen, der der Schifffahrt im Nachhall der Anschläge in New York übergestülpt wurde. In Wirklichkeit ist er aber ein extrem weichgespülter internationaler Kompromiss auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Nutzen für die Seeleute vor Ostafrika: Null.

An Bord von Handelsschiffen soll man für jeden denkbaren Notfall gerüstet sein. Seeleute müssen Feuerwehrleute und Mediziner, Anlagen- und Versorgungstechniker, Krantechniker und Betriebswirte, Maler, Schweißer und Zimmerleute sein. Für alles das gibt es Lehrgänge, Ausbildungen, Patente und Nachweise. Zugegebenermaßen können sie das alles nicht perfekt, aber für den normalen Bordbetrieb reicht es meistens. Vielleicht sollte man darüber nachdenken Handelsschiffe mit automatischen Waffen auszurüsten, die einfach und bedarfsgerecht zu montieren und sicher zu verstauen sind und deren Handhabung in einem zweitägigen Lehrgang sicher geschult werden kann.

Maschinengewehr
Martialisch, aber günstig

Dauert bei der Bundeswehr auch nicht viel länger und schließlich wird jetzt auch schon Brandbekämpfung für die Seefahrt in vierzig Stunden gelehrt. Nachdem ich sowohl Bundeswehr als auch die maritime Brandbekämpfung erfahren durfte, muss ich sagen, dass Brandbekämpfung das komplexere Thema ist. Niemand verlangt von Seeleuten infanteristische Glanzparaden, aber einem nähernden Boot zwei, drei Salven vor den Bug zu geben, könnte in den meisten Fällen ausreichen, um einer Kaperung zu entgehen.

Ob die Aufrüstung der Handelsschifffahrt zur gefürchteten Eskalation führt wage ich zu bezweifeln. Kosten und Risiken der Piraten steigen, die Schiffe und ihre Besatzungen wären nicht mehr nur simple Beute auf dem Präsentierteller. Die Möglichkeiten der Piraten zur Aufrüstung sind nur begrenzt. Auf solchen Booten ist schon räumlich und auf Grund mangelnder Stabilität nur wenig zu machen. Größere Boote für die Piraten, die als Plattform für wirkungsvollere  Waffen dienen könnten wachsen, auch in Afrika, nicht auf den Bäumen und sind leichter per Radar auszumachen. Den Rüstungswettlauf können sie also kaum gewinnen. Aber unseren Politikern wird sicher das richtige einfallen und  beim derzeitigen Status quo gibt es zumindest mal eine halbwegs sinnvolle Aufgabe für die Bundesmarine, nachdem man fünfzig Jahre lang sinnfrei das Wasser in Ost- und Nordsee dünn gefahren hat.