Die Scheinheiligen und das Leben

Nun ist sie also zurückgetreten. Margot Käßmann, bisher Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Landesbischöfin in Hannover, wird nach ihrer Autofahrt unter Alkoholeinfluss nun wieder an der Kirchenbasis tätig.

Was war passiert? Am Samstag war Käßmann privat unterwegs, mit ihrem Dienstwagen. Interessant, dass viele Medien betonen, dass es sich um einen VW Phaeton handelt. Was ist die Botschaft? Ich kann mich nur bei Lady Diana und bei Jörg Haider (witzig: auch ein Phaeton, schlechtes Charma für den Aktienkurs) erinnern, dass die Automarke so spannend war. Wen interessiert das, wo es doch nicht um die Sparsamkeit der Evangelischen Kirche, sondern um moralische Verfehlungen im Amt geht? Im Phaeton also überfährt sie eine rote Ampel und wird von der Polizei gestoppt. Die läßt auf dem Revier eine Blutprobe nehmen, Ergebnis: 1,54 Promille Alkohol im Blut. Laut Süddeutscher Zeitung von heute steht, sie habe ihren Fahrer nach Hause geschickt und das Auto nicht stehen lassen, obwohl sie getrunken habe. Außerdem sei sie mit einem männlichen Begleiter unterwegs gewesen. Soso.

Dann geht es los. Käßmann äußert sich zunächst nicht wirklich, sagt aber alle Termine ab. Die Kirche stellt sich vor sie.  Am Mittwoch erklärt sie dann in Hannover: „Bleibe bei dem, was dir dein Herz rät. Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben. (…) Aber mir geht es neben dem Amt auch um Respekt und um Achtung vor mir selbst und um meine eigene Geradlinigkeit, die mir viel bedeutet. Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete.“

Nochmal: was ist passiert? Sollte man betrunken Auto fahren? Natürlich nicht. War es eine kluge Entscheidung? Nein. Kann das jedem passieren? Ja. Stellen wir besonders hohe moralische Ansprüche an die oberste deutsche Protestantin? Sicher. Ist es eine Schwäche, jetzt zurückzutreten? Im Gegenteil. Respekt vor der Entscheidung und Respekt vor dem Umgang mit dem eigenen Fehler. Da könnten sich die Katholiken in Sachen Schweinkram mal ein Beispiel nehmen. Dagegen ist Käßmanns Fehler eine Lappalie.

Menschen machen Fehler und kein Amt macht Menschen perfekt, eher im Gegenteil. Margot Käßmann war klar, laut und unbequem in ihrer Arbeit und ihrer Botschaft. Sicher sind nicht alle traurig über ihren Rücktritt. Nur nebenbei: Warum genau durfte Otto Wiesheu trotz ähnlicher Panne weiter Karriere machen? Und warum ging es bei Herrn Althaus nicht gleich um Rücktritt? Ich vergaß, das sind ja Politiker, da rechnet niemand mit moralischer Integrität.

Wenn Margot Käßmann also ernst meint, was sie in ihrer Rücktrittserklärung gesagt und geschrieben hat, lohnt es sich, diese Frau mal persönlich kennenzulernen. Und sollte sie für die Kirche nicht mehr gut genug sein: In der Politik geht sicher was. Vielleicht als Nachfolgerin für Herrn zu Guttenberg? In Sachen Afghanistan hat die Pastorin schließlich eine Kompetenzvermutung.

Nicht nur aus Butter kann man Berge bauen

Mülltrennung ist ja ein durch und durch deutsches Thema. Wohl keine andere Nation sortiert mit so viel Hingabe bereitwillig 17 Sorten Kunststoff, trennt Windeln von Teebeuteln und spült auch gerne mal ein Tetrapak aus, bevor es in den gelben Sack kommt. Auch mit Überproduktion haben wir so unsere Erfahrungen, den Agrarsubventionen sei dank. Zuletzt sorgten die Milchbauern für Aufsehen, als sie die gute Milch in den Gully kippten, die niemand angemessen vergüten will.

Nun also haben wir einen neuen Butterberg: Es ist reichlich Impfstoff gegen die Neue Grippe übrig. Freunde, seid ihr noch zu retten? Kann das alles wahr sein? Erst Panik, der Impfstoff komme viel zu spät, es seien zudem viel zu wenig Impfdosen geordert worden (böse Industrie, böse Behörde). Dann kommt der Impfstoff, ist aber für Risikogruppen unverträglich und irgendwie auch nicht so richtig qualitätsgesichert, wird schon schiefgehen (böse Industrie). Und außerdem kann Spitzenpolitikern und Schlüsselfunktionen selbstverständlich nicht der reudige Impfstoff zugemutet werden, den das gemeine Volk bekommt (böse Behörde). Dann ist der Impfstoff da, aber keiner geht hin (böses Volk!). Und überhaupt, kann niemand sagen, ob die Impfung denn nun hilft und ob Grippe oder Impfstoff gefährlicher sind (böse Ärzte, böse Industrie). Manch einer soll während des Abwegens vom Blitz getroffen worden sein (böser Blitz, böse Stochastik).

Dann kommt alles erstmal weniger schlimm als erwartet mit der Rüsselseuche (alle habens natürlich vorher gewußt, böse Behörde) und der feine Impfstoff wird ja nun nicht besser (böse Industrie). Gut, dass da schnell eine Lösung gefunden wird. Der böse Hersteller, der hergestellt und geliefert hat, was bestellt wurde, soll die Ladenhüter gefälligst zurücknehmen. Was auch sonst? Wie kann die böse Industrie glauben, die böse Behörde hätte wirklich das haben wollen, was sie bestellt hat? Dann hätte sies doch gesagt. Und überhaupt, Schwamm drüber und weg mit dem Schrott. Und zwar per Erwachsenen-Ebay nach Iran und in den Kosovo. Die Menschen dort warten sicher schon auf diesen Segen. Es ist wie immer: Die böse Behörde kann sich hier ein Verhalten leisten, das dem Endverbraucher in der Regel nicht zusteht. Oder kann ich Medikamente umtauschen? Dann würde ich gern ACC gegen richtig harte Sachen tauschen. Meine Tabletten dürfen dafür gerne in Drittländer verklappt werden, am besten ohne Chargenkennzeichnung und Beipackzettel, das macht nur Ärger.

Ach ja, und wenns nicht klappen sollte mit dem nationalen Abwracken der Glaswaren: Weißglas darf in den Container, aber die Flüssigkeit gehört vorher entsorgt. Und bitte nicht in der Spüle, sondern beim Giftmobil, gell? Außerdem gehört der Alurand abgetrennt und auch der Kunststoff, durch den die Nadel sticht, gehört sortenrein entsorgt. Da müßte man nochmal im Beipackzettel lesen, ob das nun PE oder PET ist, sicher ist sicher.

Ein hervorragender Beitrag zu politischer Glaubwürdigkeit und ein leuchtendes Zeichen souveränen Krisenmanagements. Hallo? Gibt es auf diesem Planeten einen Entscheider, dem das peinlich ist? Der- oder Demjenigen bin ich für einen Kommentar zu diesem Artikel dankbar.

Bis in zehn Jahren!

„Eine gewisse XY hat mich zum Klassentreffen eingeladen. Kennst du die?“ schrieb mir ein Freund vor einigen Wochen. Klar kannte ich sie. Kaum zu glauben, dass es schon zehn Jahre her sein soll, seit wir gemeinsam Abitur gemacht haben. Am zweiten Weihnachtsfeiertag traf sich über die Hälfte unseres Abiturjahrgangs in der Schule, unserer ehemaligen Wirkungsstätte.

Ein komisches Gefühl, nach so vielen Jahren wieder an dem Ort zu sein, der einen viele Jahre geprägt hat. Neun Jahre habe ich hier verbracht, Tiefen, aber vor allem viele Höhen erlebt, wenn auch selten im Unterricht. Es war eine schöne Zeit damals und so viel Freiheit suche ich seitdem vergebens. Aber wir wollen ja nicht gleich sentimental werden. Den Auftakt des Abends macht also ein Rundgang durch unsere Schule. Unser Guide ist Teil unserer Vergangenheit, ich hatte ihn im Wirtschafts-LK. Lehrer aus Überzeugung, hart, aber fair. Er zeigt uns den Anbau, die provisorischen Klassenzimmer in Containern, die Cafeteria, die Mensa, die Schließfächer. Fast alles Dinge, für die wir schon damals gekämpft hatten. Die Schule ist also von 850 auf 1200 Schüler gewachsen, wirklich verändert hat sich aber nichts. Seltsam und schön zugleich.

Anschließend geht es weiter in eine örtliche Kneipe, den Lehrer nehmen wir natürlich mit. Mehr als die Hälfte des Jahrgangs ist gekommen, erstaunlich eigentlich, waren wir doch kein homogener Haufen, sondern eher viele höchst unterschiedliche Cliquen. Dann beginnen die klassischen Klassentreffengespräche: Wo bist du, was machst du, was ist aus… geworden. Tja was? Juristen, Architekten, Ingenieure, Sozialarbeiter, Unternehmensberater, Ärzte, Bühnenbildner, Tourismusmanager, Wirtschaftsexperten, Controller, Journalisten, all so was. Alle hoch qualifiziert, wenige verheiratet, kaum Eltern unter uns.

Die schönen Frauen sind noch schöner geworden, die Freaks sind Freaks geblieben. Den BWLer-Tisch lasse ich aus. Schon gegen Mitternacht löst sich die Runde auf, „bis in zehn Jahren“ verabschieden sich einige und verschwinden weiter ins Nachtleben. Seltsam oberflächlich bleiben die Gespräche, wenige scheinen sich wirklich Zeit zu nehmen für den Abend. Dabei sind wirklich einige sehr spannende Menschen unter uns.

Wenige Tage vor dem Klassentreffen hatte ich beim Umzug einen Text gefunden, den ich 1997 für die Schülerzeitung geschrieben hatte. „Menschen“ ist sein Titel und er handelt von Oberflächlichkeit, Freundschaft, Respekt, Revolution, Engagement, Gemeinschaft, großen Themen der Jugend also. Und der Gegenwart, wie sich an diesem Abend zeigt. Und klar wird: So sehr wir damals gegen das System aufbegehrt haben, so sehr sind wir heute Teil davon. Erschreckend, wie einen zehn Jahre Leben und Alltag verändern können.

Was also bleibt von diesem Abend der Erinnerung? Die Freude über einige Gespräche und Begegnungen, ein fader Beigeschmack und die Erkenntnis, dass wir uns verändert haben. Wo wir wohl in zehn Jahren stehen? Man darf gespannt sein.

Wo ist die stade Zeit geblieben?

Heute ist Heiligabend, Auftakt des Weihnachtsfestes, eines Hauptfestes des christlichen Kirchenjahres. Angeblich ist das ja zum Jahresausklang die Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen, zu sich zu finden, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Außerdem ist Weihnachten oft ein Anlass zur Familienzusammenführung, zum Zusammenkommen und Zusammenfinden. Die so gewonnene Einsicht führt auch zu Zeichen der Nächstenliebe, seien es echte (Besuche, Gefallen, Worte, Zuwendung) oder geheuchelte (Geschenke, Spenden, Massenmails und Facebookgrüße). Dann bedeutet Weihnachten häufig Auftakt zum Jahresabschluss, was dann Abschlussarbeiten, Behördengänge und Aktionen zur Fristwahrung zur Folge hat. Gern genommen ist natürlich auch der Gottesdienstbesuch zur Gewissensberuhigung und Ablasszahlung. Schließlich sind in jeder Familie beliebige andere Rituale Bestandteil von Weihnachten.

Im Vorfeld spricht man gerade in Bayern gern von der staden Zeit, der besinnlichen Vorweihnachtszeit. Mich würde interessieren, wo die geblieben ist. Ich kann sie weder im Arbeitsalltag, noch im öffentlichen Leben wirklich entdecken. Ganz im Gegenteil. Ich erlebe die Adventszeit eher als „ich muss eigentlich noch…“-Zeit. Menschen treffen, Dinge erledigen, Geschenke kaufen, Weihnachtsfeiern besuchen. Dann natürlich auch die Unsitte der Christkindlmärkte (nördlich der Donau: Weihnachtsmärkte) mit jeder Menge reudigem Tand, überteuerten Lebensmitteln und Musik, die niemand hören will. Und im Ergebnis überall Betriebsamkeit, Hektik und Gedränge.

Nicht, dass ich das wirklich belastend finde oder ändern will. Aber dann sollte man es sich eingestehen und in den Medien auch so darstellen. Und für sich die Konsequenz ziehen, unabhängig von der öffentlichen Meinung und dem Weihnachtsfest tatsächlich Zeit für sich zu finden und Dinge zu tun, die einem wichtig sind.

Die feinen Herren wünschen allen Leserinnen und Lesern ein friedliches Weihnachtsfest!

Zeitreise in die eigene Jugend

Vor vielen Jahren sind wir mit unserer Jugendgruppe regelmäßig auf so genannte Nachtorientierungsläufe gefahren. Das ist im Prinzip eine Schnitzeljagd im Dunkeln. Zusätzlich müssen die Gruppen auf dem Parcours unterschiedliche Stationen meistern. Meistens kommt ein Motto und/oder eine Rahmenhandlung für die Veranstaltung dazu. Alles wird ehrenamtlich organisiert, die Teilnehmer kommen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Als wir noch jung waren sind wir zum Teil mehrmals pro Jahr mit dem Spaßmobil durch die Republik gefahren, um uns mit anderen zu messen. Ab und zu ist sogar ein Pokal rausgesprungen. Unsere beste Platzierung war meines Erachtens ein zweiter Platz in Hamburg.

Ich möchte die Veranstaltungen nicht missen, schließlich haben sie mich damals ein bißchen zum Draußi gemacht und vor allem die Gruppe zusammengeschweißt. Da sind echte Freundschaften, Rituale und Legenden entstanden. Und Spaß hatten wir jede Menge!

Was also lag näher, als nach langer Zeit ein Revival mit Allstar-Besetzung zu planen? Auch, wenn wir inzwischen alle im bürgerlichen Leben angekommen, unsere Knochen alt und träge und wir zu spießig für eine Nacht im Klassenzimmer auf dem Feldbett sind, war es eine klasse Erfahrung.

Start am Freitag (ganz spießig Urlaub genommen) nach gemeinsamem Frühstück, dann 1000 Kilometer gen Norden (ganz spießig den Reifendruck kontrolliert und das Navi dem Mc Donalds-Straßenatlas vorgezogen), Ankunft 19 Uhr, Stube bezogen, Abendessen, Start um 21:30. Die Rahmenhandlung: ein Kriminalfall. Alles sehr detailgetreu und liebevoll umgesetzt, teilweise immens aufwändig gestaltete Stationen. Leider waren Wegbeschreibung und unser Spürsinn nicht immer ideal, weswegen wir uns mehrmals verlaufen. Auch deshalb waren wir insgesamt 11 Stunden auf der Strecke. Ist lange her, dass mir eine „Feierabendhalbe“ so gut geschmeckt hat. Dementsprechend ging der Samstag auch im Wesentlichen fürs Schlafen drauf.

Die Duschen waren trotz Sicherheitsschlappen grenzwertig, das Essen mäßig, die Schmerzen schrecklich und die Siegerehrung am Samstag verkrampft. Wir belegen Platz 14 von 23, immerhin. Leider würdigt keiner unser biblisches Alter und die weite Anreise. Am Sonntag dann den ganzen Tag Heimreise, viele Staus, Erschöpfung.

Trotzdem war es jede Minute wert! Wir haben nichts verlernt und brauchen uns vor den Youngsters nicht verstecken. Nur der Ehrgeiz hat etwas gelitten, was an der fehlenden Verkleidung und am Ergebnis der sportlichen Stationen deutlich wird. Danke an alle für diese wunderbare Reise in meine Jugend!

Zeit ist relativ

Ich hatte gerade das Privileg, mich von den Strapazen in Arbeit und Freizeit zu erholen. Drei Wochen am Stück, das gabs zuletzt in meiner Schulzeit, schätze ich. Ich habs sehr genossen, unterwegs zu sein und Abstand zu den Wirren und Zwängen des Alltags zu haben.

Die Zeit haben wir an Nord- und Ostsee verbracht. Start war auf den Halligen Langeneß und Hooge, weiter über Helgoland an die Ostsee nach Fehmarn, Hiddensee und Usedom. Wenn wir Fehmarn und Usedom mal außen vor lassen, war es ein wirklich schöner und entspannter Urlaub. Keine Autos, kein Stress, kein Gefühl für die Zeit. Frühstück und Abendesse strukturieren den Tag. Sonst nur Sinneseindrücke.

Neben der großartigen Landschaft hat mich vor allem die Abhängigkeit von der Natur und die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Naturgewalten beeindruckt. Besonders deutlich habe ich dieses Gefühl auf den Halligen gespürt. Die Menschen dort leben im Einklang mit der Natur und doch in ständiger Furcht vor ihr. Und wenn es „Land unter“ heißt und Vieh und Weidefläche bedroht sind, ziehen sich die Menschen auf ihre Warften zurück und retten, was zu retten ist. Das ist aber nicht etwa die Ausnahme, sondern die Regel in der Nordsee.

Diese Gefahr und die Abhängigkeit von Gezeiten und Fährverkehr bringen eine spezielle Lebenseinstellung mit sich. Ich bin sicher, dass sie auch das Wertesystem beeinflussen. Diese Ruhe und Gelassenheit haben mir Kraft gegeben, ich würde es sicher länger dort aushalten. Ich habe insbesondere nichts vermißt. Dieses unbeschreibliche Gefühl kondensiert meines Erachtens in einer Banalität: Auf den echten gelben Briefkästen steht bei Lehrung: Tideabhängig. Sonst nichts. Eine schöne Welt…

Die Marke „King of pop“ stirbt?

Heute also hat die Welt Abschied genommen von Michael Jackson, dem großen Künstler und umstrittenen Menschen. Oder dem, was von ihm übrig war. Oder der Marke Michael Jackson.

Das wäre meines Erachtens keine Notiz wert, ein Nachruf in üblichem Umfang reicht völlig aus. Aber aus seinem Tod wird ein solches Medienspektakel gemacht, dass es mir doch eine Notiz wert ist.

Obwohl ich mich gerade in den entlegensten Winkeln tummle, konnte ich den Spekulationen, Liveübertragungen, Expertenstatements, Exklusivvideos und natürlich den O-Tönen der trauernden Fans nicht entgehen. Was soll das? Wen interessieren all diese Details? Woran er gestorben sein könnte, wo er beerdigt wird, in welchem Sarg, wer das Sorgerecht für die Kinder bekommt, wer Tickets (!) für seine Trauerfeier ergattert. Und wie siehts mit der journalisitischen Ethik aus? Ohne Berichterstattung kein Hype, ganz einfach. Und bei mitgeschnittenen Notrufen hört der Journalismus schon lange auf, liebe Freunde.

Und dann die Fans, die vor Neverland campen, jedem Gerücht hinterherreisen und dann noch entrüstet sind. Oder die Logorrhoe in Mikrofone sprechen und am liebsten mit ihrem Idol sterben möchten. Gehts noch? Als hätte die Welt keine anderen Sorgen. Fragt sich außerdem, wo all diese Unterstützer waren, als er wegen zweifelhafter Vorlieben vor Gericht stand.

Ansonsten ist natürlich die mediale Aufmerksamkeit hervorragend, schließlich gilt es ja, noch ein paar unbedeutende Schulden des Verstorbenen zu tilgen. Vermutlich haben die Übertragungsrechte an der Trauerfeier einiges erlöst (top und spontan organisiert, übrigens), auch die Tantiemen von den gefühlten zwölf Jahren Radiozeit, die seinen Songs gerade gewidmet werden, können seine Erben sicher brauchen. Und nach dem Fest im Staples Center lassen sich sicher noch ein paar Millionen mit Devotionalien des Künstlers machen, der seine letzten echten Erfolge vor über 20 Jahren feierte. Und ein paar ergraute Stars konnten sich bei seinem Abschied verewigen, was wiederum gut fürs eigene Geschäft sein dürfte.

Bleibt nur zu hoffen, dass seine Überreste bald beigesetzt werden und anschließend Ruhe einkehrt. Ich bin ja mal gespannt, wie wir demnächst damit umgehen, wenn für jede so genannte Person der Zeitgeschichte so ein Aufriss veranstaltet wird. Und ich bin gespannt, ob die Sendezeit für so viele Sondersendungen reichen wird.

Bei so viel globaler Ergriffenheit hier noch meine Theorie: Michael Jackson ist gar nicht tot, die ganze Aktion ist eine Werbekampagne für seine Konzerte in London. Also die Tickets erstmal noch nicht zurückgeben! Wie sich das historisch gehört, wird er am dritten Tage auferstehen von den Toten…

Das Privileg würdevollen Alterns

Vor allem in der großen Politik gibt es ja allerlei Experten für Soziales. Dabei spielen laufend die Struktur der Sozialversicherung für Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung und natürlich der demographische Wandel eine große Rolle. Wenn man die Euphemismen wegläßt, bleibt vor allem eine Frage übrig: Wer soll das bezahlen.

Abseits von banalen betriebs- und volkswirtschaftlichen Fragestellungen geht es aber bei jedem Betroffenen vor allem um eine Geschichte, ein Schicksal. Ich habe kürzlich meine Oma im Altenheim besucht, weil meine Eltern im Urlaub waren. Bislang habe ich es immer irgendwie für selbstverständlich gehalten, dass sie sich um sie kümmern. Aber der Reihe nach. Meine Großmutter ist zarte 97 Jahre alt und erzählt schon gefühlte 15 Jahre, dass sie sterben möchte. Das kann an körperlichen Gebrechen liegen, am Tod ihres Mannes vor 25 Jahren oder daran, dass sie zwei Weltkriege und allerlei andere Tragödien erlebt hat und einfach nicht mehr möchte. Seit über zehn Jahren lebt sie in unserer Nähe im Altenheim. Das war eigentlich ein guter Plan. Als sie die Treppen in ihrer Wohnung nicht mehr steigen konnte, mußte eine barrierefreie Wohnung her. Die Lösung: Der Wohnbereich im Altenheim, mit eigenen Möbeln und mitten unter Menschen. Gut, das mit den Menschen hat ihr nie so richtig gefallen, war aber ein akzeptabler Kompromiss.

Der Wohnbereich ist so konzipiert, dass die Bewohner im Prinzip mit zunehmendem Alter und zunehmender Pflegebedürftigkeit im selben Raum bleiben und nach ihrem individuellen Bedarf betreut werden können. So weit, so gut. Mit der Zeit kamen immer mehr körperliche Einschränkungen, Pflegestufe 1 und 2 und vor einiger Zeit dann auch eine heftige Demenz und massiver Gewichtsverlust. Irgendwann dazwischen hat sie dem Altenheim einen Zimmerbrand und einen Wasserschaden beschert und den Bürgermeister aus ihrem Zimmer verjagt, als der ihr zum Geburtstag gratulieren wollte. So ist sie eben, meine Oma. Schließlich ist Alter keine Krankheit, sondern ein Privileg.

Durch die Demenz ist sie in letzter Zeit nicht mehr mobil und erkennt auch außer meiner Mutter niemanden mehr. Sehr bitter, finde ich. Aber wie gesagt, das zieht sehr an mir vorbei, weil meine Eltern sich kümmern und ich sie kaum sehe. Welch Luxus. Meine Eltern also im Urlaub. Anruf meiner Schwester, ob ich sie nicht am Wochenende füttern könne.  Warum wir denn Essen eingeben müßten, wenn das doch das Personal erledigt, wollte ich wissen. Die Leistung sei zwar in der Pflegestufe 2 enthalten, die Pfleger fütterten sie aber nicht, weil sie selber essen könne. Meine Mutter habe zudem die Angst, dass meine Oma vernachlässigt werde, wenn sich die Angehörigen nicht blicken ließen.

Vom feinsten. Weil weder meine Schwester noch ich große Lust auf die Veranstaltung hatten, haben wirs gemeinsam getan. Richtig gehört, meine echte Schwester und ich. So führt meine Oma die Familie zusammen. Was wir dann aber erlebten, hat mich tief bewegt. Das ist Sozialpolitik und Generationenvertrag zum Anfassen. Ich hoffe sehr, dass diese Bilder den politischen Entscheidern präsent sind, wenn sie die Weichen für die Zukunft stellen.

Wir betreten die Station, auf der meine Oma untergebracht ist und finden sie gemeinsam mit zwei anderen Bewohnern im Aufenthaltsraum beim Essen. Personal ist nicht zu sehen. Die anderen beiden sind noch einigermaßen in der Lage, selbst zu essen. Meine Oma sitzt im Rollstuhl vorn übergebeugt am Tisch, die Augen fast geschlossen, die Kleidung sicher nicht von heute. „Sie kann essen“ sieht wie folgt aus: Alle heilige Zeit fährt sie mit einem Finger durch nicht identifizierbares Püriertes und benetzt ihre Lippen mit dem Brei. Im Anschluss fährt sie sich mit der Hand durch die Haare und schüttelt den Kopf. Dementsprechend ist der Brei auf dem Tablett, dem Tisch und in ihren Haaren verteilt. Niemand nimmt Anteil an der Situation. Sie erkennt keinen von uns, auf unsere Ansprache reagiert sie nicht. Ihre Hautfalten bleiben stehen, so ausgetrocknet ist sie. Immerhin läßt sie sich füttern, als wir ihr abwechselnd den Löffel in den Mund stecken oder vielmehr über die Lippen ziehen. Als Ansprache für die drei Kollegen im Aufenthaltsraum läuft übrigens die Wiederholung von „Anna und die Liebe“. Da sag noch einer, die Senioren von heute seien nicht auf der Höhe der Zeit.

Nach dem Essen bringen wir sie in ihr Zimmer. Die Einrichtung erinnert an bessere Zeiten. An Zeiten, in denen sie noch Zeitung und Bücher lesen konnte. An Zeiten, in denen sie noch telefonierte und fernsah. Und die Fotos zeichnen das Bild eines langen, erfüllten Lebens, einschließlich der trashigen Fotos ihrer Enkel aus den 1980er Jahren.

Wir sind beide einigermaßen hilflos in der Situation, versuchen noch eine zeitlang, mit ihr zu sprechen. Schließlich geben wir auf und gehen nach Hause. Personal haben wir bis zum Schluss leider nicht angetroffen.

Mich hat das Erlebnis aus vielen Gründen bewegt. Weil ich es schlimm finde, dass meine Oma so alt werden muss. Weil ich es schlimm finde, dass die Betreuungs- und Lebensqualität im Altenheim so schlecht ist (das ist explizit kein Vorwurf ans Pflegepersonal, das sicher sein möglichstes und angesichts des Gehalts zu viel tut). Weil ich es schlimm finde, dass ihr Aufenthalt dort trotzdem die kompletten Ersparnisse ihres gesamten Lebens aufzehrt. Weil ich es schlimm finde, dass ich es für selbstversändlich gehalten habe, wie meine Mutter sich unermüdlich um sie kümmert. Und weil ich es schlimm finde, dass ich dem hilflos gegenüberstehe.

Da die Gesellschaft immer älter wird und gleichzeitig eine große Finanzierungslüscke klafft, wird es meiner Generation noch deutlich schlechter gehen im Alter. Deshalb habe ich zwei große Wünsche: Erstens, dass wir als Gesellschaft eine Lösung für würdevolles, individuelles Altern finden. Und zweitens, dass mir persönlich ein solches Sterben auf Raten erspart bleibt.

Rückschau zur Europawahl

Natürlich bin auch ich am vergangenen Wochenende meiner Bürgerpflicht nachgekommen und habe jemanden beauftragt, mich im Europaparlament weise zu vertreten. Dass das nicht selbstverständlich ist, sieht man daran, dass es nicht einmal jeder zweite (genau nur 43,3 % der Wahlberechtigten) für nötig hielt, abzustimmen. Woran liegt das? Frust? Gleichgültigkeit? Terminprobleme?

Obwohl die Wahlbeteiligung in meiner Heimatgemeinde sogar über 50% lag, habe ich ein spezielles Instrument zur Ermittlung der Wahlstimmung genutzt: Den Frühschoppen beim Wirt am Wahlsonntag um 11 Uhr. Ergebnis: Gähnende Leere, keine angeregten Diskussionen, nicht mal Kirchgänger waren da. Da kam mir dann spontan ein Songtext von Reinhard Mey in den Sinn: „Und wenn nun heut nicht grade Sonntag wär, hätten sie uns gewählt“. („Wahlsonntag“ vom Album „Farben“)

Ich finde es enttäuschend, dass ein Parlament, das auf europäischer Ebene immer mehr Entscheidungen trifft, die unsere Lebenswirklickeit beeinflussen, von der Mehrheit der Deutschen nicht gewählt wird. Somit repräsentiert es auch nur eine Minderheit der Wählerinnen und Wähler. Das liegt sicher an der fehlenden Vorstellung, was genau die Europaparlamentarier tun und wie sich das auf uns auswirkt. Die Parteien haben sich in meinen Augen auch nur begrenzt bemüht, dies mit ihrem Wahlkampf zu ändern. Sehr beeindruckt haben mich vor allem die vielen Wahlplakate. Oft stand da pauschal „Ihre Stimme in Europa“, gerne auch garniert mit dem Konterfei einer/eines Unbekannten. Am schönsten fand ich das Plakat der Bayernpartei, auf der nur ihr Logo zu sehen ist. Das ist doch wohl Botschaft genug, oder?

Angesichts der Demokratie- und Bürokratiekosten, die ein Parlament mit über 700 Sitzen und eine Kommission mit über 23000 hochbezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verursacht, meine ich: nein! Liebe Parteien, bitte macht Europa und eure Anliegen begreifbar, begeistert die Wählerinnen und Wähler von euren Themen und Zielen und erweckt vor allem nicht den Eindruck, ihr könntet wirklich etwas ändern. Das seid ihr euren Wählern schuldig und der Demokratie. Wenn sich nämlich der Trend so fortsetzt und die Anzahl der Nichtwähler steigt, fehlt den Parlamentariern jede Legitimation. Zudem nimmt das Gewicht der einzelnen Stimme zu. Das kommt mir zugute, aber leider auch jenen, die eher extreme und wenig demokratische Ansichten vertreten.

Zum Schluss noch zwei Dinge. Einerseits den Werbespot der Bayernpartei, auf den ich gestoßen bin, als ich ein Foto vom Plakat gesucht habe. Ich finde ihn eigentlich erstaunlich gut gemacht, nur dass es eben ausgerechnet bei den Inhalten wieder dünn wird:

Und dann noch ein Schmankerl für unseren Piraten-Wahlkämpfer: in meinem Heimatnest (9191 Wahlberechtigte) haben immerhin 28 Wählerinnen und Wähler für die Piraten gestimmt, das sind 0,6% der 4977 abgegebenen Stimmen. Zum Vergleich: Die Republikaner wählten 41 (0,8%), die DVU 6 (0,1%) Wählerinnen und Wähler meines Wohnortes. Da wirds noch ein weiter Weg werden.

Die Entgrenzung des Privaten

Was war das für eine schöne Welt. Privates war privat. In der Öffentlichkeit bekam man allenfalls Privates von Prominenten mit. Aber dank digitaler Medien und insbesondere social-software-Anwendungen wie Youtube dürfen wir nun endlich an Dingen teilhaben, die unsere tiefsten Sehnsüchte befriedigen. Nun haben wir uns daran ja schon gewöhnt, von skurrilen bis erotischen Episoden aus jedermanns Privatleben ist uns nichts mehr peinlich. Ein nettes Beispiel dazu liefert aktuell SPON. Beeindruckend, dass sich offenbar über 4 Millionen Menschen diesen edlen Streifen bereits reingezogen haben. Und beeindruckenden, wie viele Remixes/Abwandlungen/Varianten davon bereits produziert wurden. Ich finde immer wieder die Diskussion spannend, wozu man die Zeit, Energie und Kreativität nutzen könnte, die in social software sinnfrei verbrannt wird.