Das Privileg würdevollen Alterns

Vor allem in der großen Politik gibt es ja allerlei Experten für Soziales. Dabei spielen laufend die Struktur der Sozialversicherung für Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung und natürlich der demographische Wandel eine große Rolle. Wenn man die Euphemismen wegläßt, bleibt vor allem eine Frage übrig: Wer soll das bezahlen.

Abseits von banalen betriebs- und volkswirtschaftlichen Fragestellungen geht es aber bei jedem Betroffenen vor allem um eine Geschichte, ein Schicksal. Ich habe kürzlich meine Oma im Altenheim besucht, weil meine Eltern im Urlaub waren. Bislang habe ich es immer irgendwie für selbstverständlich gehalten, dass sie sich um sie kümmern. Aber der Reihe nach. Meine Großmutter ist zarte 97 Jahre alt und erzählt schon gefühlte 15 Jahre, dass sie sterben möchte. Das kann an körperlichen Gebrechen liegen, am Tod ihres Mannes vor 25 Jahren oder daran, dass sie zwei Weltkriege und allerlei andere Tragödien erlebt hat und einfach nicht mehr möchte. Seit über zehn Jahren lebt sie in unserer Nähe im Altenheim. Das war eigentlich ein guter Plan. Als sie die Treppen in ihrer Wohnung nicht mehr steigen konnte, mußte eine barrierefreie Wohnung her. Die Lösung: Der Wohnbereich im Altenheim, mit eigenen Möbeln und mitten unter Menschen. Gut, das mit den Menschen hat ihr nie so richtig gefallen, war aber ein akzeptabler Kompromiss.

Der Wohnbereich ist so konzipiert, dass die Bewohner im Prinzip mit zunehmendem Alter und zunehmender Pflegebedürftigkeit im selben Raum bleiben und nach ihrem individuellen Bedarf betreut werden können. So weit, so gut. Mit der Zeit kamen immer mehr körperliche Einschränkungen, Pflegestufe 1 und 2 und vor einiger Zeit dann auch eine heftige Demenz und massiver Gewichtsverlust. Irgendwann dazwischen hat sie dem Altenheim einen Zimmerbrand und einen Wasserschaden beschert und den Bürgermeister aus ihrem Zimmer verjagt, als der ihr zum Geburtstag gratulieren wollte. So ist sie eben, meine Oma. Schließlich ist Alter keine Krankheit, sondern ein Privileg.

Durch die Demenz ist sie in letzter Zeit nicht mehr mobil und erkennt auch außer meiner Mutter niemanden mehr. Sehr bitter, finde ich. Aber wie gesagt, das zieht sehr an mir vorbei, weil meine Eltern sich kümmern und ich sie kaum sehe. Welch Luxus. Meine Eltern also im Urlaub. Anruf meiner Schwester, ob ich sie nicht am Wochenende füttern könne.  Warum wir denn Essen eingeben müßten, wenn das doch das Personal erledigt, wollte ich wissen. Die Leistung sei zwar in der Pflegestufe 2 enthalten, die Pfleger fütterten sie aber nicht, weil sie selber essen könne. Meine Mutter habe zudem die Angst, dass meine Oma vernachlässigt werde, wenn sich die Angehörigen nicht blicken ließen.

Vom feinsten. Weil weder meine Schwester noch ich große Lust auf die Veranstaltung hatten, haben wirs gemeinsam getan. Richtig gehört, meine echte Schwester und ich. So führt meine Oma die Familie zusammen. Was wir dann aber erlebten, hat mich tief bewegt. Das ist Sozialpolitik und Generationenvertrag zum Anfassen. Ich hoffe sehr, dass diese Bilder den politischen Entscheidern präsent sind, wenn sie die Weichen für die Zukunft stellen.

Wir betreten die Station, auf der meine Oma untergebracht ist und finden sie gemeinsam mit zwei anderen Bewohnern im Aufenthaltsraum beim Essen. Personal ist nicht zu sehen. Die anderen beiden sind noch einigermaßen in der Lage, selbst zu essen. Meine Oma sitzt im Rollstuhl vorn übergebeugt am Tisch, die Augen fast geschlossen, die Kleidung sicher nicht von heute. „Sie kann essen“ sieht wie folgt aus: Alle heilige Zeit fährt sie mit einem Finger durch nicht identifizierbares Püriertes und benetzt ihre Lippen mit dem Brei. Im Anschluss fährt sie sich mit der Hand durch die Haare und schüttelt den Kopf. Dementsprechend ist der Brei auf dem Tablett, dem Tisch und in ihren Haaren verteilt. Niemand nimmt Anteil an der Situation. Sie erkennt keinen von uns, auf unsere Ansprache reagiert sie nicht. Ihre Hautfalten bleiben stehen, so ausgetrocknet ist sie. Immerhin läßt sie sich füttern, als wir ihr abwechselnd den Löffel in den Mund stecken oder vielmehr über die Lippen ziehen. Als Ansprache für die drei Kollegen im Aufenthaltsraum läuft übrigens die Wiederholung von „Anna und die Liebe“. Da sag noch einer, die Senioren von heute seien nicht auf der Höhe der Zeit.

Nach dem Essen bringen wir sie in ihr Zimmer. Die Einrichtung erinnert an bessere Zeiten. An Zeiten, in denen sie noch Zeitung und Bücher lesen konnte. An Zeiten, in denen sie noch telefonierte und fernsah. Und die Fotos zeichnen das Bild eines langen, erfüllten Lebens, einschließlich der trashigen Fotos ihrer Enkel aus den 1980er Jahren.

Wir sind beide einigermaßen hilflos in der Situation, versuchen noch eine zeitlang, mit ihr zu sprechen. Schließlich geben wir auf und gehen nach Hause. Personal haben wir bis zum Schluss leider nicht angetroffen.

Mich hat das Erlebnis aus vielen Gründen bewegt. Weil ich es schlimm finde, dass meine Oma so alt werden muss. Weil ich es schlimm finde, dass die Betreuungs- und Lebensqualität im Altenheim so schlecht ist (das ist explizit kein Vorwurf ans Pflegepersonal, das sicher sein möglichstes und angesichts des Gehalts zu viel tut). Weil ich es schlimm finde, dass ihr Aufenthalt dort trotzdem die kompletten Ersparnisse ihres gesamten Lebens aufzehrt. Weil ich es schlimm finde, dass ich es für selbstversändlich gehalten habe, wie meine Mutter sich unermüdlich um sie kümmert. Und weil ich es schlimm finde, dass ich dem hilflos gegenüberstehe.

Da die Gesellschaft immer älter wird und gleichzeitig eine große Finanzierungslüscke klafft, wird es meiner Generation noch deutlich schlechter gehen im Alter. Deshalb habe ich zwei große Wünsche: Erstens, dass wir als Gesellschaft eine Lösung für würdevolles, individuelles Altern finden. Und zweitens, dass mir persönlich ein solches Sterben auf Raten erspart bleibt.