Erlebniskaffee

Ich habe mit gewisser Begeisterung ein feines Buch gelesen, das mich tief beeindruckt hat und das hervorragend zu den feinen Herren passt. Das werde ich hier an anderer Stelle noch ausführlicher beleuchten müssen.

Im Wesentlichen geht es um neue Perspektiven jenseits der Festanstellung und die Möglichkeiten, die digitale Medien dazu bieten. Genau mein Thema eigentlich. Fehlt nur noch der Mut, dann wird alles gut.

Worüber ich eigentlich sprechen wollte: ein Kapitel handelt von neuen Arbeitsorten und hier insbesondere den Coffeeshopketten, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Offenbar sind noch zu viele Menschen bereit, horrende Summen für seltsame Kaffevariationen zu bezahlen, um sie entweder hektisch mitzunehmen, oder sich eben – möglichst mit Laptop und iPhone – gemütlich niederzulassen und so etwas wie Arbeit zu verrichten. Von wegen Rezession.

Da gibt es ja so einige Prediger. Und nette Parodien wie bei den Simpsons, als sich Bart in dem Einkaufscenter beeilen muss, bevor jeder Laden ein Starbucks ist.

Ich habe also versucht, bei Starbucks so etwas wie Arbeit zu verrichten. Ich muss gestehen, ich bin etwas enttäuscht. Der Kaffee 3,80, es zieht wie Hechtsuppe, die Aussicht und die Musik sind lausig, Sprachkauderwelsch aus gefühlten 40 Nationen und das viel gelobte WLAN kostet schlappe acht Euro die Stunde. Schönen Dank.

Als mir dann noch eine Asiatin ihren Kaffee über Tisch, Laptop und Hose schüttet, ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Wenigstens gabs Völkerverständigung: ich nehme ihre Entschuldigung an, viele Servietten und einen Doughnut (schreibt man das so?), bei dem man nur schwer die Zähne wieder auseinanderbringt. Dazu ein Lächeln, und der Weltfrieden scheint nahe. Jedenfalls könnte man beinahe versucht sein, bürgerlich zu bleiben und einfach im Büro zu arbeiten.

Jäger und Sammler

Messen taugen neben anderen Dingen immer auch hervorragend als Sozialstudie für spezielle Szenen oder Milieus. Diesmal durfte ich eine besondere Spezies begleiten, die Jäger und Sammler. Diese Spezies kommt mit leerem Trolly auf die Messe, um ihn dann mit allerlei Broschüren, Probedrucken, Werbegeschenken und anderem Nippes vollzustopfen. Gerne auch, bis mal einer platzt. Mitten im Weg, versteht sich. Die wenigsten Besucher kennen ein echtes Schamgefühl. Da werden schon mal die Ellenbogen eingesetzt, um eine von „nur“ 500 Tassen zu ergattern. Muss hart sein für die Aussteller, aber schließlich machen sie zum Teil erheblichen Umsatz mit dieser Spezies. Und es muss hart sein, wenn man trotz auskömmlichen Salärs seinen Hausstand mit Werbegeschenken komplettieren muss.

Nun habe ich selbst reflektiert, wann ich das letzte mal vor allem auf einer Messe war, um Nippes abzugreifen. Es war die bits and fun, gefühlt im Jahr 1996. Der Nippes waren 2400er Modems. Auf dieser Messe habe ich mein erstes Prepaid-Handy erworben, zu einem Preis, über den ich heute nicht mehr sprechen möchte. Und ich habe jede Menge Tand mitgeschleppt, um ihn ein Jahr später auf sanften Druck meiner Eltern zu entsorgen.

Jedenfalls war ich jung und dumm. Und man könnte meinen, dass die Evolution die Menschen reifer macht, insbesondere, wenn es sich um eine Messe mit beruflichem Bezug handelt. Aber für diese besondere Spezies scheint dies nicht zu gelten. Ich spreche nämlich von Lehrern…

Allein unter Haltern

Was man nicht alles so erlebt in einer Messewoche. Zum Beispiel einen Abend im Brauhaus. Eher verkrampfter Businessausklangabend, internationale Besetzung, alle im Tagesoutfit und eigentlich schon zu müde, aber was solls. Die Speisen sind deftig, das Bier hausgemacht. Also rein. Erste Komplikation des Abends: ein Fernsehteam filmt den Betrieb in der Kneipe. Dazu passend sind die Räume mit 12 Millionen Lux ausgeleuchtet, damit kein Pickel verborgen bleibt.

Die zweite Komplikation ist Jürgen. Er hat seine Freunde dabei: zwei Keyboards, einen Rechner und ein Mikrofon. Pünktlich um neun legt er los mit einem reichlich lauten Udo-Jürgens-Medley. Als er „siebzehn Jahr…“ anstimmt, tritt der GAU ein. Am Tisch neben uns feiert eine Schulklasse auf Klassenfahrt den – na klar – 17. Geburtstag von Sandra, die auch noch blond ist. Deshalb stehen spontan alle auf den Tischen und grölen mit. Jürgen ist von der Performance ebenso beeindruckt wie wir und gibt gleich in der ersten Session alles: über den Wolken, das Lasso, Country Roads, nichts läßt er aus. Das Fernsehen ist begeistert von telegenen jungen Damen auf den Bänken und läßt uns in Ruhe. Bei der Reeperbahn schunkle ich mit wildfremden Businesskontakten. Großes Tennis. Der eigentliche Sinn des Abends, der kollegiale Austausch, ist ob der Lautstärke abgehakt, wir widmen uns Bier und Wein. Jürgen beginnt seine küsntlerische Abwärtsspirale, die Pet Shop Boys müssen für ein selbst gedichtetes Lied der Schulklasse herhalten, das eine Hymne der Kneipe zu sein scheint. Die Bedienung nimmts gelassen und füllt ungefragt die Gläser nach. Ich verschwinde bald…

Service in der Wüste

Trotz meines bescheidenen Lebenswandels bin ich gegen mangelhafte Dienstleistungen allergisch. Ob Callcenter, Kassenschlange oder Gastronomie: mir fehlt die Geduld, Schlechtleistung zu ertragen.

Umso mehr muss ich anerkennen, wenn ich von einer Dienstleistung begeistert bin. Tatsache, das ist mir gestern und heute passiert. Gestern waren wir mit einem Kollegen Essen. Das gehobene Ambiente und insbesondere die gehobenen Preise passten eher zu ihm als zu uns. Der Service wirkte eher übertrieben. Dafür war das Essen hervorragend. Mit dabei war auch der Sohn unseres Gastgebers, zarte neun Wochen alt. Als er nicht zu quängeln aufhört, ist die Inhaberin des Lokals mit ihren beeindruckend hohen Stöckelschuhen zur Stelle und bietet an, sich um das Kind zu kümmern, damit Mama essen könne. Etwas verwirrt und zögernd überläßt sie ihr den Kleinen und siehe da: es ist Ruhe. Daraus entwickelt sich ein Gespräch zwischen den zwei Frauen, das bei unserem Abschied zu ein paar freundlichen Worten und dem Versprechen eines erneuten Besuchs führt. Ehrliches, herzliches Marketing, das auch über den eher ypsigen Einsatz eines Netbooks als Kasse hinwegtröstet.

Dann heute im Hotel: die Rezeption ist bis 23:30 Uhr besetzt, es ist 23 Uhr und wir sind noch unterwegs. Wir haben natürlich heute Früh vergessen, den Schlüssel mitzunehmen und stellen uns mental schon auf eine ungemütliche Nacht im Buswartehäuschen oder der Sakristei der Christuskirche ein. Da klingelt das Handy, das Hotel ist dran. Wann wir denn kämen, damit sie wisse, wie lange sie warten müsse. 2 Uhr sei kein Problem. Wie warten? Kein Vorwurf? Und woher hat sie eigentlich die Nummer? Jedenfalls schaffen wirs bis 23:30, also alles in Butter. Ob sie uns ein Taxi bestellen kann zum Hauptbahnhof, für fünf Uhr morgens. Kann sie. Und verschwindet in der Küche, um uns ein Lunchpaket zu improvisieren. Nachdem sie sich entschuldigt hat, dass es um fünf noch kein Frühstück gibt, versteht sich.

Sprachlos gehe ich ins Bett. Es gibt noch Hoffnung, Deutschland!

Die Entgrenzung des Privaten

Was war das für eine schöne Welt. Privates war privat. In der Öffentlichkeit bekam man allenfalls Privates von Prominenten mit. Aber dank digitaler Medien und insbesondere social-software-Anwendungen wie Youtube dürfen wir nun endlich an Dingen teilhaben, die unsere tiefsten Sehnsüchte befriedigen. Nun haben wir uns daran ja schon gewöhnt, von skurrilen bis erotischen Episoden aus jedermanns Privatleben ist uns nichts mehr peinlich. Ein nettes Beispiel dazu liefert aktuell SPON. Beeindruckend, dass sich offenbar über 4 Millionen Menschen diesen edlen Streifen bereits reingezogen haben. Und beeindruckenden, wie viele Remixes/Abwandlungen/Varianten davon bereits produziert wurden. Ich finde immer wieder die Diskussion spannend, wozu man die Zeit, Energie und Kreativität nutzen könnte, die in social software sinnfrei verbrannt wird.

Immer Ärger mit Mitropa

Natürlich gibt es die Mitropa längst nicht mehr, jedenfalls nicht mehr richtig oder vollständig. Verwirrende Konzernstrukturen bei der Bahn, die vielleicht deshalb ihren eigenen Mitarbeitern nicht traut.  Trotzdem bleibt für mich der rituelle Besuch von Speisewägen Bordbistros untrennbar mit diesem wohl klingenden Namen verknüpft.

Heute hatte ich die Freude, mir auf der Rückfahrt im IC traditionell ein völlig überteuertes Weißbier zu kaufen. Die junge Dame hinter dem Tresen ist freundlich, aber völlig überfordert, weshalb die Schlange bis zur Theke gefühlte vier Wagen durchzieht. Der Kunde vor mir bietet zur Güte an, sein Weißbier selbst einzuschenken, damit die Nachfolgenden nicht so lange warten müssen. Sie besteht auf ihrer Dienstleistung, er besteht auf seinem Persönlichkeitsrecht des persönlichen Einschenkens. Endlich bin ich dran, bedenke den Kollegen und mich spontan mit zwei Weißbier und zwei Pfannengyros. Nach (zeit-)intensivem Studium der Karte und nach öffnen aller (ungelogen!) Schubladen des Kühlschranks stellt die Dame fest, dass sie kein Pfannengyros hat. Mein und der Blutdruck der wartenden steigt merklich. Ich disponiere um und bestelle zwei mal Nürnberger Rostbratwürste, weil ich die beim Kunden vor mir gesehen hatte.

Es kommt noch schlimmer. Ich zahle mit Kreditkarte, weil das Bargeld nicht reicht. Sie sieht mich an, als käme ich vom Mars, holt dann aber doch – in aller Ruhe, versteht sich – das echte Kreditkartengerät. Kennt noch jemand diese seltsamen meachanischen Rutscher, die einen Durchschreibesatz auf die erhabenen Daten der Kreditkarten drücken? Nur wegen dieser Geräte, bei deren Gebrauch ich mich immer irgendwie unwohl fühle, stehen die Buchstaben aus der Kreditkarte heraus. Jedenfalls ist die Mistmaschine defekt und die Mitropa-Frau  fängt an, die Buchstaben einzeln mit einem Kugelschreiber abzurubbeln. Hochstimmung im Publikum, die Würste werden kalt. Ich beneide die Dame nicht, echtes Mitleid kann ich aber auch nicht aufbringen. Sauladen.

Leider gibt es zum Schluss nicht mal einen  Gaumenschmaus. Weder haben diese Würste einen Rost gesehen, noch wurden sie gebraten.  Ein wirklich gelungener Tagesausklang…

Von Anspruch und Wirklichkeit

Ich verbringe gerade drei Tage auf einem Kongress, der sich mit Lernen mit neuen Technologien beschäftigt. Das ist einerseits wichtig, um mal aus dem Alltagstrott zu entfliehen und sich neue Impulse zu holen. Das ist andererseits frustrierend, weil mir nach dem zarten Ausflug in eine schillernde Welt der Möglichkeiten unweigerlich der Kontakt mit der echten, der harten, der gnadenlosen Welt bevorsteht. Wir nennen sie gern Realität und sie findet ab Freitag wieder statt. In den Vorträgen und Workshops klingt alles immer so schnell und einfach. Manchmal frage ich mich, ob wirklich alle Vortragenden wissen, wovon sie sprechen. Und insbesondere bei den Hochschulvertretern, ob sie denn ihren Elfenbeinturm schon mal verlassen haben. Was solls, ausbrechen auf Zeit lohnt sich in jedem Fall und entschädigt für manche Frustration im Büro.

L’équipe franco-allemande

Ein Highlight auf Bahnreisen ist ja immer die Fremdsprachenkompetenz des Zugpersonals. Und Englisch klingt in Wirklichkeit auch nur mit sächsischem Dialekt richtig schön. Heute hatte ich allerdings ein Erlebnis der besonderen Art. Auf dem Weg nach Karlsruhe saß ich an Bord des TGV nach Paris, der von der Deutschen Bahn und der SNCF gemeinsam betrieben wird. Der deutsche Zugchef liest also die vorformulierten Texte gleich dreisprachig vor. Grausames Französisch, aber man kann eben nicht alles können. Besonderes Pech, dass sich ausgerechnet heute ein lebensmüder vor einen Zug wirft und wir dadurch eine Stunde Verspätung haben. Wenn das aber doch nicht auf dem Zettel steht… Die Improvisation am Mikrofon hat die Fahrgäste eher belustigt als informiert. Und die équipe franco-allemande ist gar nicht so vielsprachig wie beworben.

Ein nettes Detail: trotz Kooperation und Globalisierung kann der französische Schaffner Zugbegleiter leider die deutschen Onlinetickets nicht scannen – und andersrum, versteht sich…

Hallo Welt

Jetzt ist es also so weit. Nachdem wirklich jeder Trottel das Internet mit seiner Meinung bereichert, betreten nun auch wir diese Bühne. Und ich bin weniger skeptisch als Christian. Ich habe gelernt, dass jeder ein eigenes Blog als Selbsterfahrung oder, wie es niederbayerisch heißt, proof of concept (POC), schreiben muss, zumindest eine zeitlang.

Also bin ich weniger skeptisch als Christian und gehe es an. Jedenfalls so lange, bis eine Heuschrecke uns für zwei Milliarden Euro kauft. Interessenten hinterlassen bitte einfach einen Kommentar. Auf gehts!