Du verträgst keine Satire, Deutschland

Forrest Gump Soundtrack, ein Haufen Prominente, „Du bist Deutschland“. Jeder kennt den Clip:

Ein begabter Student hat den Beitrag persifliert und einen hübschen Film, passend zu Zensursulas KiPo Wahlkampfthematik gemacht.

Du bist Terrorist from lexela on Vimeo.

Schöne Sache. Was passiert? Die hinter „Du bist Deutschland“ stehende Werbeagentur ‚KemperTrautmann‘ droht mit Abmahnung, sollten nicht die Bezüge zur eigenen Kampagne entfernt werden. Der Schuß könnte nach Hinten losgehen.

Kein Einzelfall, einige Tage zuvor wurde eine Sperrseitenpersiflage von Pantoffelpunk nach Aufforderung durch das Bundesverwaltungsamt gesperrt. Die Zeit berichtet ausführlich.

Und all das im Umfeld des 60ten Geburtstages unserer Verfassung. Schönes Geschenk. Es ist zum Heulen in diesem Land. Das sind doch immer nur die Spitzen der Eisberge die hier zum Vorschein kommen. Wieviele Dummheiten der Politiker und anderer Institutionen werden einfach hingenommen, gar nicht mehr registriert? Ach Scheiße.

von hier und hier

Nachtrag: Alexander Lehmann, der Kreative hinter dem Terroristen-Spot, schreibt in seinem Blog, er habe sich mit den Verantwortlichen der Werbefirma geeinigt. Es ging den Werbefuzzismenschen nur um die Kinder. Genau.

In der Kürze liegt die Würze?

Weil die feinen Herren eher kosnervativ sind, können sie manche Dinge wohl nicht verstehen. Und so kommt es wohl auch, dass wir es endlich geschafft haben, ein banales Blog zu starten, während die restliche Welt doch schon Mikro-Blogging betreibt.

Nun ist es ja eine Errungenschaft, dass wir im Internet heute weit entfernt sind von Zeiten, zu denen man mit Nullen und Einsen und der Konsole mit Maschinen sprechen mußte oder als Höchstes der Gefühle im IRC ohne großen Schnickschnack miteinander kommunzierte. Und wie nervig war es, als SMS noch tatsächlich auf 160 Zeichen begrenzt waren.

Aber siehe da: In Zeiten der digitalen Geschwätzigkeit erlegt sich die Blogosphäre eine Beschränkung von nur 140 Zeichen auf und zwitschert Belanglosigkeiten in die Welt – in Echtzeit, versteht sich. Weil die Werkzeuge nicht nur über den Browser, sondern auch aus IM-Diensten und sogar vom Handy per SMS gespeist werden können, könnte ich die Welt also an jedem Augenblick meines Lebens teilhaben lassen. Fragt sich nur, wer das lesen will.

Auch Politiker haben Mikro-Nlogging für sich entdeckt (oder von Strategen für sich entdecken lassen). Angela Merkel scheint nicht überzeugt von Twitter, läßt dann aber doch berichten. Web 1.9 oder so. Und natürlich gibts diverse Fakes.

Ob die Welt so besser wird? Ich jedenfalls freue mich, dass ich mich hier nicht auf 140 Zeichen beschränken muss. Es lebe die Meinungsfreiheit!

Kann das alles wahr sein? III

Es ist zum Mäuse melken: Da hatten wir im März noch eine Nachlese zum Amoklauf von Winnenden veröffentlicht. Und leider gibt es einigen Nachmeldungsbedarf. Nicht nur, dass von der eiligen Diskussion um Gesetzesänderungen wie erwartet nur faule Kompromisse und Peinlichkeiten übrig geblieben sind, jetzt gibt es auch noch einen Bericht zu Schießständen in Schulen. Kein Scherz. Allein 160 sollen es in Nordrhein-Westfalen sein, meldet SPON. Und wer das Bild vom Eisberg kennt, der weiß, was uns bevorsteht.

Das ist doch mal wirklich praktisch und ein echter Kontrast zu den albernen Debatten um Zugangskontrollen, Metalldetektoren und Warneinrichtungen in Schulen. Lassen wir das doch alles und machen wirs den Amokläufern leicht. Waffen und Munition direkt in Schulen zu lagern, verkürzt die Wege und vereinfacht die Logistik. Großes Tennis.

Was kommt als Nächstes? Atomare Endlager im Schul-Heizungskeller? In der Krise wird man doch kreativ sein dürfen. Und Flächen gibt es sicher genug…

Kein Wunder vor Mogadischu

Ach, die Achtziger Jahre. Da war ich noch klein und durfte nur ab und an die Nachrichten anschauen. Gefühlt gab es auch damals schon überall Krieg aber zudem alle Nase lang eine Flugzeugentführung.  Die Liste der „notable aircraft hijackings“ aus der englischen Wikipedia bestätigt diese Ansicht. Die 70er, 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren das goldene Zeitalter für Flugzeugentführung. Dann kamen die Ereignisse des elften September und der Zirkus hatte ein Ende, zumindest fast.  Die Sicherheit auf Flughäfen wurde ins Unerträgliche gesteigert und seitdem ist fliegen noch unbequemer als früher, aber so sicher wie nie.

Anders in der Seefahrt. Das Problem der Piraterie ist so alt wie die Seefahrt an sich. Auf See ist man auf sich alleine gestellt, und anders als im Flugverkehr ist zusteigen während der Reise durchaus möglich. Das machten sich schon 70 Jahre vor Christi Geburt einige maritime Rabauken zu Nutze und störten den Handel der Weltmacht Rom empfindlich. Der Römer von damals hatte einen Rochus auf die Piraten, einen Rechtsstaat aber Eier. Man schaffte die Lex Gabinia, die es Gnaeus Pompeius Magnus ermöglichte mit einer Flotte von 500 Schiffen, 120.000 Infanteristen, 5000 Reitern und einem Budget von 36 Millionen Denaren augestattet, bis zu 50 Meilen tief ins Landesinnere, an allen Küsten des Mittelmeeres zu operieren. Und siehe da, die Getreideschiffe kamen wieder nach Rom.

Das auf die heutige Situation zu projezieren wäre weltfremd. Den Römern war assymetrische Kriegsführung wahrscheinlich ein Fremdwort und dementsprechend wurde durchgegriffen und die Überlebenden zwangsweise umgesiedelt. Vermutlich will derzeit niemand neben Afghanistan und dem Irak einen dritten Kriegsschauplatz in einem muslimischen Land. Die Situation ist trotzdem beschissen. Mindestens 17 gekaperte Handelsschiffe mit etwa 300 Crewmitgliedern liegen vor Somalia vor Anker, die Versicherungsprämien steigen (was letztendlich der Verbraucher zu bezahlen hat). Die Militärpräsenz am Horn von Afrika hat noch nicht wirklich zur Entspannung beigetragen. Der von den deutschen Behörden festgelegte Gefahrenbereich vor Somalia wurde gemeinerweise ohne Absprache durch die Piraten erweitert und ist fast unmöglich durch Marinekräfte vollständig und ökonomisch zu überwachen.

Wer garantiert denn, dass das Beispiel der somalischen Piraten nicht Schule macht. Es ist ja auch zu leicht ein Schiff zu hijacken. Man braucht ein paar günstige Waffen, wie sie in Afrika schon seit Jahrzehnten zum Einsatz kommen, ein seetaugliches Boot, das ein bißchen was über zwanzig Knoten schafft und einen Versorger. Dann sucht man sich ein nicht zu großes, nicht zu schnelles Opfer, ballert ihm eine vor oder in den Bug. Mehr als Feuerwehrschläuche hat die Besatzung nicht um sich zur Wehr zu setzen, schneller geht auch nicht und bevor jemand ins Gras beißt, dreht man bei. Auf bayerisch spricht man von einer gmahten Wiesn. Ein Kapitän fragt auf Fairplay:

„Is it human, civilised, fair or professional
to require mariners to use water hoses to pro-
tect the crew and ships from pirates carrying
guns and other kinds of modern weapons? For
those who treat the mariners like second-class
citizens, yes it is.“

Die Situation im Nachhinein zu entschärfen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, ist gefährlich und teuer. Der Versuch der ehemaligen Helden von Mogadischu, der GSG 9, die Hansa Stavanger gewaltsam zu befreien, wurde von unseren amerikanischen Bündnispartnern als zu risikoreich abgebrochen. Die Kosten der Aktion hat laut Spiegel „die Staatskasse mehr Millionen gekostet als alle Lösegeldzahlungen der vergangenen Jahre zusammen“.

Die Crew der „Maersk Alabama“, dem US-Containerschiff, welche die Piraten selbst vertrieb, werden derzeit in der Schifffahrtszene ein wenig wie Helden gefeiert. Ob ihre Maßnahmen jedoch zum Nachahmen einladen, wage ich zu bezweifeln. Nachdem die Besatzung merkte, dass sie angegriffen werden und dem Entern nichts mehr entgegenzusetzen haben, wurden sämtliche Motoren abgestellt und bis auf vier Leute, darunter der Kapitän, zog sich die Mannschaft in den Rudermaschinenraum zurück. Dieser Raum muss aus Sicherheitsgründen wasserdicht abgeschlossen werden können, weshalb verbarikadieren dort leichter fällt, als in anderen Schiffsräumen. Die Piraten konnten das Schiff also nicht manövrieren. Das Kaperboot war im Zuge des Enterns gekentert und somit war die Situation der Somalis ebenfalls ziemlich bescheiden. Auf einem manövrierunfähigen Schiff waren sie ideales Ziel für einen erfolgsversprechenden Einsatz der vor Ort befindlichen Marinen. Nachdem die Besatzung einen Piraten, der nach der versteckten Crew suchen sollte, verletzten und in ihre Gewahrsam brachten, verloren die drei übrigen Seeräuber die Nerven und zogen mit dem Kapitän in einem Rettungsboot von dannen, wurden gestellt und erschossen. Nach dieser Erfahrung, gibt es jetzt die Idee ‚Panikräume‚ an Bord von Seeschiffen einzurichten, in die sich die Besatzung zurückziehen kann um die Entführung „auszusitzen“. Mir persönlich würde die Idee nicht behagen, in einem verschlossenen Raum auf einem Schiff zu sitzen, ohne zu wissen was die Piraten/Terroristen aushecken. Versenken sie das Schiff, öffnen sie den Raum mit Schweissbrennern, legen sie aus Frust gleich Feuer.

Die Sicherheit im Hinblick auf Piraten und Terroristen soll seit 2002 der ISPS-Code erhöhen, der der Schifffahrt im Nachhall der Anschläge in New York übergestülpt wurde. In Wirklichkeit ist er aber ein extrem weichgespülter internationaler Kompromiss auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Nutzen für die Seeleute vor Ostafrika: Null.

An Bord von Handelsschiffen soll man für jeden denkbaren Notfall gerüstet sein. Seeleute müssen Feuerwehrleute und Mediziner, Anlagen- und Versorgungstechniker, Krantechniker und Betriebswirte, Maler, Schweißer und Zimmerleute sein. Für alles das gibt es Lehrgänge, Ausbildungen, Patente und Nachweise. Zugegebenermaßen können sie das alles nicht perfekt, aber für den normalen Bordbetrieb reicht es meistens. Vielleicht sollte man darüber nachdenken Handelsschiffe mit automatischen Waffen auszurüsten, die einfach und bedarfsgerecht zu montieren und sicher zu verstauen sind und deren Handhabung in einem zweitägigen Lehrgang sicher geschult werden kann.

Maschinengewehr
Martialisch, aber günstig

Dauert bei der Bundeswehr auch nicht viel länger und schließlich wird jetzt auch schon Brandbekämpfung für die Seefahrt in vierzig Stunden gelehrt. Nachdem ich sowohl Bundeswehr als auch die maritime Brandbekämpfung erfahren durfte, muss ich sagen, dass Brandbekämpfung das komplexere Thema ist. Niemand verlangt von Seeleuten infanteristische Glanzparaden, aber einem nähernden Boot zwei, drei Salven vor den Bug zu geben, könnte in den meisten Fällen ausreichen, um einer Kaperung zu entgehen.

Ob die Aufrüstung der Handelsschifffahrt zur gefürchteten Eskalation führt wage ich zu bezweifeln. Kosten und Risiken der Piraten steigen, die Schiffe und ihre Besatzungen wären nicht mehr nur simple Beute auf dem Präsentierteller. Die Möglichkeiten der Piraten zur Aufrüstung sind nur begrenzt. Auf solchen Booten ist schon räumlich und auf Grund mangelnder Stabilität nur wenig zu machen. Größere Boote für die Piraten, die als Plattform für wirkungsvollere  Waffen dienen könnten wachsen, auch in Afrika, nicht auf den Bäumen und sind leichter per Radar auszumachen. Den Rüstungswettlauf können sie also kaum gewinnen. Aber unseren Politikern wird sicher das richtige einfallen und  beim derzeitigen Status quo gibt es zumindest mal eine halbwegs sinnvolle Aufgabe für die Bundesmarine, nachdem man fünfzig Jahre lang sinnfrei das Wasser in Ost- und Nordsee dünn gefahren hat.

Steven Seagal würde sich schämen

Ich wollte noch was zu Piraterie schreiben, finde aber keine Muse den rudimentären Artikel zu erweitern. Aber kurz zum Thema.

Der amerikanische Koch der Maersk Alabama, dem US-Containerschiff, das vor kurzem gekapert und dann von der Mannschaft selbst befreit wurde, klagt. Nicht gegen die Piraten, sondern gegen seinen Arbeitgeber, den amerikanischen Ableger der Reederei Maersk. Weil sie ihn wissentlich der Gefahr von Piratenangriffen ausgesetzt haben. Guter Mann ;)

Der Schiffskoch aus Alarmstufe:Rot war aber aus anderem Holz geschnitzt.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Kinderpornographie ist Scheisse! Eltern, Onkels, wer auch immer so etwas mit Kindern macht gehört eingesperrt. Wer sich solches Zeug im Internet oder sonstwo besorgt um seine Triebe zu befriedigen benötigt Hilfe. Ich bin in keinster Weise gegen Maßnahmen, die die Verbreitung von Kinderpornographie unterbindet oder Täter und Nutznießer der Justiz zuführt. Aber bitte mit Hirn und Augenmaß.

Frau von der Leyen hat sich, schließlich ist Wahlkampf, dem Thema angenommen. Ein Pfui-Bah Thema, keiner kann wirklich dagegen sein, die Aktion kann nur Punkte beim Stimmvieh bringen. Was machen die anderen Länder dagegen, aha, Stoppseiten im Netz, die den Nutzer darüber aufklären, dass die angewählte Seite Pfui-Bah ist.

Wie macht man das: Unsere Internetprovider stellen Server zu Verfügung, die als Art Telefonbuch dienen. Diese sogenannten DNS-Server der jeweiligen Provider sind standardmäßig auf unseren Rechnern eingestellt. Wenn man jetzt die Seite google.de in der Adressleiste eingibt wird auf dem Server des Providers nachgeschaut, welche Telefonnummer, also welche IP-Adresse, die Seite hat. Die „Telefonnummer“ für google ist 216.239.59.104, und unser Rechner kann somit erfolgreich bei der Suchmaschine anrufen. Der Plan der Bundesregierung ist einfach. Man tauscht die Telefonnummer im Telefonbuch aus. Also statt der Telefonnummer von google einfach die vom Bundesfamilienministerium angeben. Oder aber, wenn jemand auf eine Webseite surfen möchte die für Kinderpornographie bekann ist, auf eine Seite mit einem Stoppschild. Nur blöd, dass es Hunderte von Alternativtelefonbüchern im Internet gibt. Und es ist keine Hexerei, sich ein anderes Telefonbuch einzustellen:

Alternativ-Server findet man im Web. Dauer der ganzen Aktion, ein paar Minuten. Höchstens.

Ich möchte hier niemandem einen Weg aufzeigen, wie man auch in Zukunft an Kinderpornografie kommt. Aber die ganze Thematik, Kindesmißbrauch und -pornographie sind viel zu ernst, als das man sie mit solchem Pfusch bekämpfen oder gar eindämmen könnte (mal abgesehen davon, dass es zu der Geschichte von der angeblichen KiPo-Industrie auch völlig abweichende Meinungen gibt). Das Web heult von Zensur und auch etablierte Medien weisen auf die Gefahren hin, die von den geheimen Sperrlisten ausgehen könnten. Und letztendlich wird das Bundesverfassungsgericht die ganze Sache einstampfen. Genutzt hat es keinem, Ressourcen wurden vergeudet und der Demokratie und dem Politikvertrauen in diesem Lande wurde erneut einen Bärendienst erwiesen. Schönen Dank Frau von der Leyen, gut gemeint und in der Sache richtig, aber in der Umsetzung voll daneben.

PS: Lustig, na eher traurig, finde ich, für wie blöd Frau von der Leyen 80% der Bundesbürger hält. Die anderen 20% sind teils schwer pädokriminell.

Ziviler Ungehorsam in Zeiten der Globalisierung

Ilse Aigner hat ein Machtwort gesprochen und Genmais in Deutschland verboten. Das erfreut laut Emnid die Mehrheit der Deutschen, vor allem unter Schülern gibt es eine breite Zustimmung zu dieser Maßnahme.  Es sei übrigens keine politische, sondern eine fachliche Entscheidung gewesen. Aber wie üblich ist das ganze nicht so einfach. Annette Schavan hat nämlich ihre Kollegin getadelt. Schließlich könne man nicht einerseits für Forschung und technologische Innovation sein und andererseits die Anwendung verbieten.

Wollen wir nun also Genmais oder nicht? Monsanto sagt uns, warum wir das wollen sollten: Höherer Ertrag, Resistenz gegen Schädlinge und auch gegen den potentesten Schädlingsvernichter aus dem Hause Bayer. Ein Segen also für die gebeutelte Landwirtschaft?

Der Verbraucher ist da ja etwas skeptischer, zumindest vordergründig. Denn ob es wirklich gesund ist, Mais von Feldern zu essen, der vorher mit feinstem Gift „geschützt“ wurde, muss dahinstehen. Und wer weiß schon, was die gentechnisch veränderten Lebensmittel in uns auslösen. Das Dumme ist, dass wir ja in Zeiten der Globalisierung leben. Und es keine wirkliche Kennzeichnungspflicht für Gentechnik in Lebensmitteln gibt. Wissen wir also genau, was wir essen? Und wenn wir keinen Genmais einsetzen, sind unsere Landwirte dann nicht benachteiligt gegenüber ihren Kollegen in Spanien, die ihre Erträge mit Hightechsamen steigern? Und können wir uns den Luxus leisten, in dieser Frage das gallische Dorf zu geben? Von sozialromantischen Themen wie dem Eingriff in die Schöpfung wollen wir jetzt mal nicht reden, das überlassen wir den C-Parteien.

Und dann gibt es da noch ein Problem: Wer sein Feld neben einem „Genfeld“ hat, kann sich fast nicht gegen die Verunreinigung seiner Pflanzen durch den Nachbarn schützen. Denn Bienen und der Wind verbreiten natürlich nicht nur „Gutes“. Das wirft auch die Frage auf, ob ein Feldnachbar, der kostenlos vom Genmais „profitiert“, die Urheberrechte des Herstellers verletzt. Monsanto soll andernorts eigene Kontrolleure einsetzen.

Schön, dass es auch in Krisenzeiten zivilen Ungehorsam gibt. Die Bantam-Initiative ruft ihre Unterstützer dazu auf, ihre Mais-Sorte anzubauen und sich in die „goldene Karte“ einzutragen. Sie zeigt die Anbauorte und soll „Schutzzonen“ definieren, um Genmais zu verhindern. Da es keinen Schutz mehr für private Anbauer gibt, soll dies ggf. einen gewerblichen Eindruck erwecken. In jedem Fall eine sympathische Art, die noch dazu sicher lecker schmeckt…

Mit Frau Aigners Machtwort hat die Initiative nach vier Jahren eines ihrer Ziele erreicht. Steter Tropfen höhlt eben doch den Stein.

In der Krise geht der Trend zum Selbermachen

In Krisen wird gern von den Medien der Trend zum Privaten herbeigeschrieben. „Homing“ oder „Cocooning“ soll das heißen. Soso. Gemeint ist, dass der krisengebeutelte Verbraucher es sich zu Hause gemütlich macht, neue Möbel und einen Fernseher kauft, hochwertige Lebensmittel zubereitet und so an Freizeitangeboten, Gastronomiedienstleistungen und anderen Luxusgütern spart. Cocooning heißt dann wohl auch das Befeuern des Kachelofens und das Anbauen von Salat im eigenen Garten.

Ein schönes Beispiel habe ich kürzlich bei einem Bekannten bewundern dürfen. Er ist recht naturverbunden, sein aktueller Spleen ist die Imkerei. Kein Scherz, mit Haut und Haaren und hoch professionell. Neben Honig und Wachs gehört dazu natürlich auch Met. Selten so gute Honigwaren genossen.

Jedenfalls ist er jetzt einen Schritt weiter gegangen und hat sich eine Destille gekauft, um experimentell Schnaps zu brennen. Und dem ersten Experiment durfte ich beiwohnen. Eine besondere Athmosphäre. Nicht nur, dass die Apparatur wirklich nach do-it-yourself aussieht. Das ganze Ensemble und die kindliche Begeisterung, mit der er drum herumtanzt, beeindrucken mich.

Die Schnapsapparatur des großen Meisters
Die Schnapsapparatur des großen Meisters

In Kürze der Versuchsaufbau: Er hat Kräuter in feinem Kornbrand eingelegt und will daraus nun Hochprozentiges gewinnen. Dazu wird mit einem Brenner die Flüssigkeit erhitzt. Der Alkohol kondensiert im Kühlsystem und wird gesammelt. Das Wasser verdampft.

Die Fingerprobe schmeckt eher nach Medizinbedarf als nach Hochgenuss, aber in diesem Fall ist der Weg das Ziel. Ich habe spontan eine Assoziation zum Physikunterricht vor gefühlten 100 Jahren. Ich bin sicher, mit so einem Lehrer hätte sogar ich Spaß an Naturwissenschaften gehabt!

Gehen oder bleiben?

Die typische Fragestellung jedes abhängig Beschäftigten, nehme ich an. Immer das gleiche Dilemma: Es gibt reizvolle Aspekte am Job, man ist etabliert, weiß, wie der Hase läuft, hat Freiheiten und Beziehungen, die das Berufsleben einfacher machen. Andererseits sind da die vielen täglichen Nadelstiche, die Unzulänglichkeiten, der Streß, die strukturellen Defizite und die Frustration.

Also heißt es umschauen, orientieren, „Marktwert testen“. Und dann heißt es abwägen und entscheiden.

Ich liebe meinen Beruf, aber ich bin wirklich müde. Es gibt Tage, an denen es wirklich schwerfällt, für unseren Laden gerade zu stehen. Vor allem dann, wenn 80% des Managements keine oder fragwürdige Visionen haben und kein erstrebenswertes Ziel vor Augen. Ich fühle mit Sysiphus, nur dass mein Stein ein großer Quader ist und er nicht nur wieder runterrollt, sondern die feinen „Kollegen“ auch noch draufsitzen, um ihn zu beschweren. Und dann sind da die aktiven Bremser, die bergab statt bergauf ziehen.

Wie komme ich da raus? Ich weiß es nicht, aber ich werde mich entscheiden müssen. Es lohnt sich nicht, sich für das System aufzuarbeiten. Die Frage ist, ob es anderswo zwingend besser ist? Aktuell habe ich mich gegen eine spannender neue Herausforderung entschieden, weil sie keine besseren Perspektiven geboten und zudem noch stressiger gewesen wäre als der bisherige Job. Ein Teil der Entscheidung hatte aber sicher auch mit Angst zu tun. Was mich am meisten frustriert, ist dass mich der aktuelle Job so einspannt, dass ich keine Ruhe habe, um an Perspektiven zu bauen. Und genau das werde ich ändern…

20 Jahre geeintes Deutschland: zynische Erinnerung

Fluter heißt das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB). Klingt spießig, ist aber mitunter ein journalistisches Kleinod, seit das Heft von einem Teil der ehemaligen Jetzt-Redaktion gestaltet wurde. Inzwischen hat der Verlag nach meiner Kenntnis gewechselt, aber aus alter Verbundenheit habe ich mein Abo behalten.

Im aktuellen Heft geht es um die DDR vor und nach der Wende. Anlass sind 20 Jahre geeintes Deutschland, die Themen drehen sich um historische Fakten, wirtschaftliche Zusammenhänge, die Privatisierung der Volkseigenen Betriebe, das Ministerium für Staatssicherheit, den Aufbau Ost und kleine Wirtschaftswunder nach der Wende. Aber auch um Themen wie Integration oder die ungesühnten Morde an der deutsch-deutschen Grenze.

Alle diese Themen kennt man in der Regel, aber sie verblassen doch im Alltag. Deshalb habe ich mich gefreut, dass mir Fluter Gelegenheit zum Reflektieren gab. Und ich habe etwas Neues gelernt: über die Genex, die Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH der DDR. Das war im Prinzip ein Katalog, in dem Westkunden für Bekannte und Verwandte im Osten für D-Mark Waren bestellen und direkt in den Osten liefern lassen konnten. Ziel des Unternehmens war die Devisenbeschaffung für den Arbeiter- und Bauernstaat – am Ende 3,3 Milliarden DM. Ich finde es nicht nur zynisch, dass damit die einen Vorteil hatten, deren Westverwandtschaft ihnen etwas aus dem Katalog bestellte. Ich finde es besonders zynisch, dass es dort auch Ostwaren wie den guten Wartburg zu kaufen gab – zu DM-Preisen und ohne die übliche Wartezeit. Verrat am Sozialismus und am eigenen Volk, könnte man sagen. Aber das gabs ja öfter im gescheiterten Projekt DDR…