Kann das alles wahr sein? II

„Kann das alles wahr sein?“ habe ich vor anderhalb Monaten gefragt. Aber die Geschichte über die angebliche Phantommörderin von Heilbronn, die der Stern recherchiert hat, bestätigt wieder meine Einschätzung über die deutschen Sicherheitsbehörden und es macht mich glücklich eben diese verlassen zu haben.

Die genetischen Daten der ‚unbekannten weiblichen Person‘, das sogenannte Heilbronner Phantom, waren seit 15 Jahren an mehreren Tatorten in Europa asserviert worden, so auch bei dem Polizistenmord in Heilbronn. Und jetzt stellt sich wohl heraus, dass die DNS einer Mitarbeiterin bei einem Laborbedarfhersteller gehört.

Fehler macht jeder, auch die Polizei, aber die Misstrauenskultur und Selbstüberschätzung des Apperates, wie ich es selbst auch erleben durfte, führt dazu, dass man mit Fehlern nur unzulänglich umgehen kann. Dazu kommt noch die föderale Struktur, jeder kocht sein eigenes Süppchen, alle haben eigene Labore, unterschiedliche Rechtsauffassung usw, usw.

Ein systematisches, bundesweites Fehlermanagement bei der Polizei wäre doch mal ein Anfang. Root-Cause Analyse nennt man sowas neudeutsch. Statt immer mehr Grundrechte einzuschränken und Datenbanken, deren Nutzen fraglich sind, wäre eine nachhaltige Professionalisierung der polizeilichen Arbeit wünschenswert und würde viel mehr bringen. Aber solange es auf jeder Dienststelle noch unten abgebildete mechanische Ausrüstung gibt, und das ist, zumindest in dem Bundesland in welchem ich tätig sein durfte kein Klischee, ist so etwas wie modernes Qualitätsmanagement wahrlich Zukunftsmusik.

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Quelle: Wikipedia (Arnoldius)

via: law blog


Nachtrag: Der Baden-Württembergische Justizminister hat den Fehler eingestanden. Sein Kollege aus dem Innenresort traut der Sache nocht nicht ganz. Jetzt bin ich gespannt was aus dem Leiter der ‚SoKo Parkplatz‘, Frank Huber, wird. Das Stern-Interview von Dezember 2008 ist mit Blick auf die jetzt gewonnenen Erkenntnisse grandios:

Stern: Was macht Sie optimistisch, dass Sie die UWP finden werden?

Huber: Wir haben eine DNA-Spur und somit eine individuelle Zuordnungsmöglichkeit. Es ist sehr viel Bewegung in dem Fall. Es ist nur eine Frage der Zeit. Die Glücksträhne der Person wird irgendwann einmal vorbei sein, da bin ich mir sicher.Quelle: Stern

Dezember 2008! Laut Aussage des Justizministers wurde die Möglichkeit mit den Wattestäbchen schon seit April 2008 intensiv untersucht. Das passt wieder alles ins Bild.

Übliches Prozedere wäre ihn jetzt in die polizeiliche Aus- und Fortbildung zu stecken. Da kann er am wenigsten falsch machen, so die herrschende Meinung im polizeilichen Alltag. Schließlich ist er unkündbar.

Nachtrag 2: Auch meine ehemalige Interessensvertretung übt sich in klassischer Polizeimanier. Schuld sind immer die anderen. Demonstranten, Links-, Rechtsradikale, Politiker, Eltern, Computerspiele. In diesem Fall eben die Fehler der Hersteller von Laborprodukten, die zu „einem Berg unnützer Arbeit für die ermittelnden Kollegen geführt haben„.

Hooray für South Park

Endlich. Die dreizehnte Staffel von Southpark läuft. Bösartiger und besser als Simpsons wird ein sehr kritischer Blick auf die amerikanische Gesellschaft  geworfen. Fand ich die ersten Staffeln einfach nur derb und selten wirklich lustig, so sind die Jungs mit der Zeit noch derber, aber auch gehaltvoller, aktueller, bösartiger und unterhaltsamer geworden. In der ersten Folge der neuen Staffel wird die Doppelmoral des Disney-Konzerns hübsch aufs Korn genommen, Stichwort Sexualisierung der Jugend. Der Konzernchef persönlich muss eingreifen um die schönen Profite zu schützen :)
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©2009 South Park Digital Studios LLC.

Ich bewundere die beiden Macher von Southpark, Trey Parker und Matt Stone, für ihre Kreativität, für ihren Zynismus und wohl auch für ihren Mut sich in Amerika so mit ziemlich jedem anzulegen der Rang, Namen und Einfluß hat. Mut hat sicherlich auch die Entscheidung gekostet, sämtliche Folgen von South Park Online zu stellen. Gleich nach der Ausstrahlung kann man sich legal, kostenlos, in HD und unsynchronisiert  für eine Woche die aktuellste Folge auf www.southparkstudios.com anschauen. Zwar verschwindet sie dann aus rechtlichen Gründen für einige Wochen wieder aus dem Netz, kommt daraufhin aber wieder.  Und bleibt. Kostenlos. Ich hoffe diese Einstellung setzt Zeichen wie moderne Verwertung im Netz aussehen kann.

Wer Lust bekommen hat und falls mal wieder ein verregnetes Wochenende vor der Türe steht, ein guter Einstieg sind die ‚Best Espisodes‘ auf der englischen Wikipedia.

CDU 2.0

Jetzt ist es also so weit. Die großen Volksparteien in Deutschland entdecken das Internet und insbesondere social software, in Niederbayern auch „Mitmach-Web“ genannt, für ihre Wahlwerbezwecke. Den Startschuss bildete nach meiner Beobachtung – wenn auch zaghaft – die Hessen-Wahl. Mein persönliches Highlight: das ZDF gibt sich jugendlich mit „Wahl im Web“ und läßt Markus Kafka mit Netscouts und Kompetenzträgern aus der Wissenschaft die Reaktionen im Web von Parteien und Politikern auf die Geschehnisse analysieren. Da ist echte Innovation geboten: Twitter wird erklärt, eine Skype-Schalte in eine Videoblogger-Kommune lockert die recht improviserte Moderation auf und eine weitere Akteurin scannt einen Chat zur Sendung und gibt immer wieder Impulse. Insbesondere bei Herrn Kafka hatte ich allerdings den Eindruck, dass er nicht ganau wußte, wovon er sprach.

Was soll ich sagen? Mir wird deutlich, dass Deutschland sich beim e-campaigning etwas schwerer tut als dies das große Vorbild der e-Politiker vorgemacht hat. Insbesondere die echte Einbindung, Aktivierung und Organisation komplett privater und ehrenamtlicher Unterstützergruppen, die bei allen Chancen natürlich auch ein großes Risiko für Politiker und Parteien darstellt, gelingt noch zu wenig. Dabei könnte sie in der Tat für eine ganze Generation zu einer neuen Möglichkeit werden, sich in die Politik einzubringen. Gut, das die feinen Herren vorbereitet waren auf den Wahlmarathon 2009. Ein gutes Buch, ganz ehrlich.

Jetzt gehts mit dem Bundestagswahlkampf um die Wurst, und da ist jedes Mittel recht. Deshalb gabs ein Redesign der großen Parteiseiten und auch der community-Gedanke kommt nicht zu kurz. Ganz weit vorn: das teAM Deutschland. Ich muss zugeben, ich hab für den Wortwitz ein bißchen länger gebraucht, aber ich gelobe Besserung. Und wer den Werbespot Trailer



erlebt hat, muss eigentlich dabei sein. Ehrlich, ich hätte fast geweint. „Es geht um unser Land“. Dann wecken Sie mal den Präsidenten. „Du schreibst Geschichte“. Wow. Am besten gefällt mir der Beta-Zusatz auf der teAM-Webseite, das ist Anarchie mit Krawatte! Jedenfalls werden die feinen Herren den digitalen Wahlkampf aufmerksam begleiten, an Medien dazu fehlt es ja nicht. Und unabhängig von politischen Überzeugungen ist das mediale Phänomen in jedem Fall spannend genug, um dranzubleiben.

Zartes Spiel zwischen Politik und Pädagogik

Weil gerade Lehrermangel herrscht, wird die Politik kreativ. Unternehmen sollen also ihre Besten für zwei Stunden pro Woche an die Schulen schicken, um Unterricht zu halten – unbezahlt, versteht sich. Begründung: die Absolventen, die den Lehrerberuf ergreifen, seien nicht die Besten ihrer Jahrgänge. Als Indikator wird ausgerechnet der Abiturschnitt herangezogen.

Den Vorschlag finde ich zynisch. Nicht nur, dass es sehr seltsam anmutet, Menschen ohne pädagogische Qualifikation aus Unternehmen stundenweise  unbezahlt auf unsere Zukunft loszulassen. Als käme es nur auf die fachliche Kompetenz an und nicht auf die Kunst des Vermittelns und vor allem auf die menschliche Begleitung und die Identifikation mit den Menschen, denen man das Lernen beibringt und ein selbstbestimmtes Teilhaben an der Gesellschaft ermöglicht. Außerdem wirkt das sehr dankbar gegenüber denjenigen, die sich Tag ein, Tag aus im undankbaren Lehrerberuf einbringen, alle Widrigkeiten des Alltags ertragen und sich nicht nach 2 Stunden aus der Affäre ziehen können. Dann noch zu jammern, es würden nicht die Besten eines Jahrgangs Lehrer, erhöht sicher die Motivation.

Und dann der Witz mit den Schulnoten als Indikator. Viele Lehramtsbewerber seien bequem, inkompetent, überfordert sowie unmotiviert. Wer glaubt, diese Eigenschaften ließen sich mit einem Einserabitur ausschließen, muss die eigenen Erfahrungen mit dem Schulsystem schon erfolgreich verdrängt haben.

Lehrer in Baden-Württemberg
Lehrer in Baden-Württemberg: Die Länder buhlen um Absolventen

Insgesamt ist die Situation aber sehr spannend, führt sie doch zum Wettbewerb der Bundesländer um die Nachwuchs-Lehrer. Da zeigen sich auch viele Probleme des öffentlichen Dienstrechts, aber über die schreiben wir ein Andermal.