Kann das alles wahr sein? III

Es ist zum Mäuse melken: Da hatten wir im März noch eine Nachlese zum Amoklauf von Winnenden veröffentlicht. Und leider gibt es einigen Nachmeldungsbedarf. Nicht nur, dass von der eiligen Diskussion um Gesetzesänderungen wie erwartet nur faule Kompromisse und Peinlichkeiten übrig geblieben sind, jetzt gibt es auch noch einen Bericht zu Schießständen in Schulen. Kein Scherz. Allein 160 sollen es in Nordrhein-Westfalen sein, meldet SPON. Und wer das Bild vom Eisberg kennt, der weiß, was uns bevorsteht.

Das ist doch mal wirklich praktisch und ein echter Kontrast zu den albernen Debatten um Zugangskontrollen, Metalldetektoren und Warneinrichtungen in Schulen. Lassen wir das doch alles und machen wirs den Amokläufern leicht. Waffen und Munition direkt in Schulen zu lagern, verkürzt die Wege und vereinfacht die Logistik. Großes Tennis.

Was kommt als Nächstes? Atomare Endlager im Schul-Heizungskeller? In der Krise wird man doch kreativ sein dürfen. Und Flächen gibt es sicher genug…

Steven Seagal würde sich schämen

Ich wollte noch was zu Piraterie schreiben, finde aber keine Muse den rudimentären Artikel zu erweitern. Aber kurz zum Thema.

Der amerikanische Koch der Maersk Alabama, dem US-Containerschiff, das vor kurzem gekapert und dann von der Mannschaft selbst befreit wurde, klagt. Nicht gegen die Piraten, sondern gegen seinen Arbeitgeber, den amerikanischen Ableger der Reederei Maersk. Weil sie ihn wissentlich der Gefahr von Piratenangriffen ausgesetzt haben. Guter Mann ;)

Der Schiffskoch aus Alarmstufe:Rot war aber aus anderem Holz geschnitzt.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Kinderpornographie ist Scheisse! Eltern, Onkels, wer auch immer so etwas mit Kindern macht gehört eingesperrt. Wer sich solches Zeug im Internet oder sonstwo besorgt um seine Triebe zu befriedigen benötigt Hilfe. Ich bin in keinster Weise gegen Maßnahmen, die die Verbreitung von Kinderpornographie unterbindet oder Täter und Nutznießer der Justiz zuführt. Aber bitte mit Hirn und Augenmaß.

Frau von der Leyen hat sich, schließlich ist Wahlkampf, dem Thema angenommen. Ein Pfui-Bah Thema, keiner kann wirklich dagegen sein, die Aktion kann nur Punkte beim Stimmvieh bringen. Was machen die anderen Länder dagegen, aha, Stoppseiten im Netz, die den Nutzer darüber aufklären, dass die angewählte Seite Pfui-Bah ist.

Wie macht man das: Unsere Internetprovider stellen Server zu Verfügung, die als Art Telefonbuch dienen. Diese sogenannten DNS-Server der jeweiligen Provider sind standardmäßig auf unseren Rechnern eingestellt. Wenn man jetzt die Seite google.de in der Adressleiste eingibt wird auf dem Server des Providers nachgeschaut, welche Telefonnummer, also welche IP-Adresse, die Seite hat. Die „Telefonnummer“ für google ist 216.239.59.104, und unser Rechner kann somit erfolgreich bei der Suchmaschine anrufen. Der Plan der Bundesregierung ist einfach. Man tauscht die Telefonnummer im Telefonbuch aus. Also statt der Telefonnummer von google einfach die vom Bundesfamilienministerium angeben. Oder aber, wenn jemand auf eine Webseite surfen möchte die für Kinderpornographie bekann ist, auf eine Seite mit einem Stoppschild. Nur blöd, dass es Hunderte von Alternativtelefonbüchern im Internet gibt. Und es ist keine Hexerei, sich ein anderes Telefonbuch einzustellen:

Alternativ-Server findet man im Web. Dauer der ganzen Aktion, ein paar Minuten. Höchstens.

Ich möchte hier niemandem einen Weg aufzeigen, wie man auch in Zukunft an Kinderpornografie kommt. Aber die ganze Thematik, Kindesmißbrauch und -pornographie sind viel zu ernst, als das man sie mit solchem Pfusch bekämpfen oder gar eindämmen könnte (mal abgesehen davon, dass es zu der Geschichte von der angeblichen KiPo-Industrie auch völlig abweichende Meinungen gibt). Das Web heult von Zensur und auch etablierte Medien weisen auf die Gefahren hin, die von den geheimen Sperrlisten ausgehen könnten. Und letztendlich wird das Bundesverfassungsgericht die ganze Sache einstampfen. Genutzt hat es keinem, Ressourcen wurden vergeudet und der Demokratie und dem Politikvertrauen in diesem Lande wurde erneut einen Bärendienst erwiesen. Schönen Dank Frau von der Leyen, gut gemeint und in der Sache richtig, aber in der Umsetzung voll daneben.

PS: Lustig, na eher traurig, finde ich, für wie blöd Frau von der Leyen 80% der Bundesbürger hält. Die anderen 20% sind teils schwer pädokriminell.

Teures Klassenzimmer auf hoher See

Passend zur anderen Schule haben die feinen Herren ein feines Projekt aufgespürt: das Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Das Ziel: 30 Gymnasiasten der 10. Jargangsstufe verbringen sechs Monate ohne Schulverlust auf einem traditionellen Segelschiff. Dabei lernen sie neben den eigentlichen gymnasialen Unterrichtsfächern den 24-Stunden-Schiffsbetrieb und viele fremde Länder und Kulturen kennen. Durch die besonderen sozialen Umstände (gemeinsam die Herausforderung der Atlantiküberquerung auf engstem Raum meistern) entstehen besondere gruppendynamische Prozesse. Ein neuer Aspekt soll auch die Verbindung von Schiff und Heimat mit Hilfe digitaler Medien sein.

Geleitet wird das Projekt von Wissenschaftlern und einem erfahrenen Nautiker. Ein Team von Pädagogen kümmert sich mit Wissenschaftlern und einer professionellen Crew um die Schülerinnen und Schüler.

Was ist daran falsch? Erstmal gar nichts, auch wenn die Projektwebseite schon eher nach Urlaub als nach Unterricht aussieht. Der Werbefilm enthält auch einige Argumente, die sicher für die Entwicklung junger Menschen nicht schlecht sind.  Die Idee ist auch nicht neu. Was mich allerdings stört, ist, wem das Projekt zugute kommt. Mit „Projektkosten“ von 2390 Euro im Monat ist der Spaß nämlich nicht ganz billig. Das führt dazu, dass die 30 Teilnehmer jährlich sicher eher privilegierten Elternhäusern entstammen, was nicht unbedingt zu mehr Bildungsgerechtigkeit beiträgt. Die Kosten sind natürlich irgendwo gerechtfertigt, schließlich muss das Schiff gechartert und das umfangreiche Begleitpersonal bezahlt werden. Satt werden wollen auch alle und nach Möglichkeit sollte der Kahn auch nicht absaufen, was Investitionen in die Sicherheit aller Beteiligten erfordert.

Zwar sucht das Team aktuell nach Sponsoren, aber ich frage mich, was das bringen soll. Kostet der Törn dann nur noch 2000 Euro monatlich? Dann ändert sich der potenzielle Teilnehmerkreis nicht. Besonders brisant: ist es wirklich gerechtfertigt, für ein solches Leuchtturmprojekt öffentliche Mittel einer Universität einzusetzen?

Welche konkreten Erkenntnisse bringt das Projekt für die Forschung? Wie verbessert es die Bildungslandschaft in Deutschland für die daheim Gebliebenen? Mir scheint, hier ist eher Skepsis geboten. Natürlich gibt es auch auf kritische Fragen professionelle Antworten. Leider überzeugen sie mich nicht.

Kann das alles wahr sein? II

„Kann das alles wahr sein?“ habe ich vor anderhalb Monaten gefragt. Aber die Geschichte über die angebliche Phantommörderin von Heilbronn, die der Stern recherchiert hat, bestätigt wieder meine Einschätzung über die deutschen Sicherheitsbehörden und es macht mich glücklich eben diese verlassen zu haben.

Die genetischen Daten der ‚unbekannten weiblichen Person‘, das sogenannte Heilbronner Phantom, waren seit 15 Jahren an mehreren Tatorten in Europa asserviert worden, so auch bei dem Polizistenmord in Heilbronn. Und jetzt stellt sich wohl heraus, dass die DNS einer Mitarbeiterin bei einem Laborbedarfhersteller gehört.

Fehler macht jeder, auch die Polizei, aber die Misstrauenskultur und Selbstüberschätzung des Apperates, wie ich es selbst auch erleben durfte, führt dazu, dass man mit Fehlern nur unzulänglich umgehen kann. Dazu kommt noch die föderale Struktur, jeder kocht sein eigenes Süppchen, alle haben eigene Labore, unterschiedliche Rechtsauffassung usw, usw.

Ein systematisches, bundesweites Fehlermanagement bei der Polizei wäre doch mal ein Anfang. Root-Cause Analyse nennt man sowas neudeutsch. Statt immer mehr Grundrechte einzuschränken und Datenbanken, deren Nutzen fraglich sind, wäre eine nachhaltige Professionalisierung der polizeilichen Arbeit wünschenswert und würde viel mehr bringen. Aber solange es auf jeder Dienststelle noch unten abgebildete mechanische Ausrüstung gibt, und das ist, zumindest in dem Bundesland in welchem ich tätig sein durfte kein Klischee, ist so etwas wie modernes Qualitätsmanagement wahrlich Zukunftsmusik.

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Quelle: Wikipedia (Arnoldius)

via: law blog


Nachtrag: Der Baden-Württembergische Justizminister hat den Fehler eingestanden. Sein Kollege aus dem Innenresort traut der Sache nocht nicht ganz. Jetzt bin ich gespannt was aus dem Leiter der ‚SoKo Parkplatz‘, Frank Huber, wird. Das Stern-Interview von Dezember 2008 ist mit Blick auf die jetzt gewonnenen Erkenntnisse grandios:

Stern: Was macht Sie optimistisch, dass Sie die UWP finden werden?

Huber: Wir haben eine DNA-Spur und somit eine individuelle Zuordnungsmöglichkeit. Es ist sehr viel Bewegung in dem Fall. Es ist nur eine Frage der Zeit. Die Glücksträhne der Person wird irgendwann einmal vorbei sein, da bin ich mir sicher.Quelle: Stern

Dezember 2008! Laut Aussage des Justizministers wurde die Möglichkeit mit den Wattestäbchen schon seit April 2008 intensiv untersucht. Das passt wieder alles ins Bild.

Übliches Prozedere wäre ihn jetzt in die polizeiliche Aus- und Fortbildung zu stecken. Da kann er am wenigsten falsch machen, so die herrschende Meinung im polizeilichen Alltag. Schließlich ist er unkündbar.

Nachtrag 2: Auch meine ehemalige Interessensvertretung übt sich in klassischer Polizeimanier. Schuld sind immer die anderen. Demonstranten, Links-, Rechtsradikale, Politiker, Eltern, Computerspiele. In diesem Fall eben die Fehler der Hersteller von Laborprodukten, die zu „einem Berg unnützer Arbeit für die ermittelnden Kollegen geführt haben„.

Kann das alles wahr sein?

Gerade beim law blog über diese drei Geschichten gestolpert.Ist das alles normal und war schon immer so? Bin ich derjenige der langsam aber sicher in die Paranoia abgleitet, weil ich mit dem alltäglichen Informationsüberangebot nicht mehr klar komme? Bekommt meine Krankenkasse bald den Behandlungsplan einer hübschen Klinik in Parklage?

Oder ist es tatsächlich die Ignoranz und Inkompetenz unserer Politiker und Sicherheitsbehörden? Fast hoffe ich ersteres!