Die Marke „King of pop“ stirbt?

Heute also hat die Welt Abschied genommen von Michael Jackson, dem großen Künstler und umstrittenen Menschen. Oder dem, was von ihm übrig war. Oder der Marke Michael Jackson.

Das wäre meines Erachtens keine Notiz wert, ein Nachruf in üblichem Umfang reicht völlig aus. Aber aus seinem Tod wird ein solches Medienspektakel gemacht, dass es mir doch eine Notiz wert ist.

Obwohl ich mich gerade in den entlegensten Winkeln tummle, konnte ich den Spekulationen, Liveübertragungen, Expertenstatements, Exklusivvideos und natürlich den O-Tönen der trauernden Fans nicht entgehen. Was soll das? Wen interessieren all diese Details? Woran er gestorben sein könnte, wo er beerdigt wird, in welchem Sarg, wer das Sorgerecht für die Kinder bekommt, wer Tickets (!) für seine Trauerfeier ergattert. Und wie siehts mit der journalisitischen Ethik aus? Ohne Berichterstattung kein Hype, ganz einfach. Und bei mitgeschnittenen Notrufen hört der Journalismus schon lange auf, liebe Freunde.

Und dann die Fans, die vor Neverland campen, jedem Gerücht hinterherreisen und dann noch entrüstet sind. Oder die Logorrhoe in Mikrofone sprechen und am liebsten mit ihrem Idol sterben möchten. Gehts noch? Als hätte die Welt keine anderen Sorgen. Fragt sich außerdem, wo all diese Unterstützer waren, als er wegen zweifelhafter Vorlieben vor Gericht stand.

Ansonsten ist natürlich die mediale Aufmerksamkeit hervorragend, schließlich gilt es ja, noch ein paar unbedeutende Schulden des Verstorbenen zu tilgen. Vermutlich haben die Übertragungsrechte an der Trauerfeier einiges erlöst (top und spontan organisiert, übrigens), auch die Tantiemen von den gefühlten zwölf Jahren Radiozeit, die seinen Songs gerade gewidmet werden, können seine Erben sicher brauchen. Und nach dem Fest im Staples Center lassen sich sicher noch ein paar Millionen mit Devotionalien des Künstlers machen, der seine letzten echten Erfolge vor über 20 Jahren feierte. Und ein paar ergraute Stars konnten sich bei seinem Abschied verewigen, was wiederum gut fürs eigene Geschäft sein dürfte.

Bleibt nur zu hoffen, dass seine Überreste bald beigesetzt werden und anschließend Ruhe einkehrt. Ich bin ja mal gespannt, wie wir demnächst damit umgehen, wenn für jede so genannte Person der Zeitgeschichte so ein Aufriss veranstaltet wird. Und ich bin gespannt, ob die Sendezeit für so viele Sondersendungen reichen wird.

Bei so viel globaler Ergriffenheit hier noch meine Theorie: Michael Jackson ist gar nicht tot, die ganze Aktion ist eine Werbekampagne für seine Konzerte in London. Also die Tickets erstmal noch nicht zurückgeben! Wie sich das historisch gehört, wird er am dritten Tage auferstehen von den Toten…

Das Privileg würdevollen Alterns

Vor allem in der großen Politik gibt es ja allerlei Experten für Soziales. Dabei spielen laufend die Struktur der Sozialversicherung für Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung und natürlich der demographische Wandel eine große Rolle. Wenn man die Euphemismen wegläßt, bleibt vor allem eine Frage übrig: Wer soll das bezahlen.

Abseits von banalen betriebs- und volkswirtschaftlichen Fragestellungen geht es aber bei jedem Betroffenen vor allem um eine Geschichte, ein Schicksal. Ich habe kürzlich meine Oma im Altenheim besucht, weil meine Eltern im Urlaub waren. Bislang habe ich es immer irgendwie für selbstverständlich gehalten, dass sie sich um sie kümmern. Aber der Reihe nach. Meine Großmutter ist zarte 97 Jahre alt und erzählt schon gefühlte 15 Jahre, dass sie sterben möchte. Das kann an körperlichen Gebrechen liegen, am Tod ihres Mannes vor 25 Jahren oder daran, dass sie zwei Weltkriege und allerlei andere Tragödien erlebt hat und einfach nicht mehr möchte. Seit über zehn Jahren lebt sie in unserer Nähe im Altenheim. Das war eigentlich ein guter Plan. Als sie die Treppen in ihrer Wohnung nicht mehr steigen konnte, mußte eine barrierefreie Wohnung her. Die Lösung: Der Wohnbereich im Altenheim, mit eigenen Möbeln und mitten unter Menschen. Gut, das mit den Menschen hat ihr nie so richtig gefallen, war aber ein akzeptabler Kompromiss.

Der Wohnbereich ist so konzipiert, dass die Bewohner im Prinzip mit zunehmendem Alter und zunehmender Pflegebedürftigkeit im selben Raum bleiben und nach ihrem individuellen Bedarf betreut werden können. So weit, so gut. Mit der Zeit kamen immer mehr körperliche Einschränkungen, Pflegestufe 1 und 2 und vor einiger Zeit dann auch eine heftige Demenz und massiver Gewichtsverlust. Irgendwann dazwischen hat sie dem Altenheim einen Zimmerbrand und einen Wasserschaden beschert und den Bürgermeister aus ihrem Zimmer verjagt, als der ihr zum Geburtstag gratulieren wollte. So ist sie eben, meine Oma. Schließlich ist Alter keine Krankheit, sondern ein Privileg.

Durch die Demenz ist sie in letzter Zeit nicht mehr mobil und erkennt auch außer meiner Mutter niemanden mehr. Sehr bitter, finde ich. Aber wie gesagt, das zieht sehr an mir vorbei, weil meine Eltern sich kümmern und ich sie kaum sehe. Welch Luxus. Meine Eltern also im Urlaub. Anruf meiner Schwester, ob ich sie nicht am Wochenende füttern könne.  Warum wir denn Essen eingeben müßten, wenn das doch das Personal erledigt, wollte ich wissen. Die Leistung sei zwar in der Pflegestufe 2 enthalten, die Pfleger fütterten sie aber nicht, weil sie selber essen könne. Meine Mutter habe zudem die Angst, dass meine Oma vernachlässigt werde, wenn sich die Angehörigen nicht blicken ließen.

Vom feinsten. Weil weder meine Schwester noch ich große Lust auf die Veranstaltung hatten, haben wirs gemeinsam getan. Richtig gehört, meine echte Schwester und ich. So führt meine Oma die Familie zusammen. Was wir dann aber erlebten, hat mich tief bewegt. Das ist Sozialpolitik und Generationenvertrag zum Anfassen. Ich hoffe sehr, dass diese Bilder den politischen Entscheidern präsent sind, wenn sie die Weichen für die Zukunft stellen.

Wir betreten die Station, auf der meine Oma untergebracht ist und finden sie gemeinsam mit zwei anderen Bewohnern im Aufenthaltsraum beim Essen. Personal ist nicht zu sehen. Die anderen beiden sind noch einigermaßen in der Lage, selbst zu essen. Meine Oma sitzt im Rollstuhl vorn übergebeugt am Tisch, die Augen fast geschlossen, die Kleidung sicher nicht von heute. „Sie kann essen“ sieht wie folgt aus: Alle heilige Zeit fährt sie mit einem Finger durch nicht identifizierbares Püriertes und benetzt ihre Lippen mit dem Brei. Im Anschluss fährt sie sich mit der Hand durch die Haare und schüttelt den Kopf. Dementsprechend ist der Brei auf dem Tablett, dem Tisch und in ihren Haaren verteilt. Niemand nimmt Anteil an der Situation. Sie erkennt keinen von uns, auf unsere Ansprache reagiert sie nicht. Ihre Hautfalten bleiben stehen, so ausgetrocknet ist sie. Immerhin läßt sie sich füttern, als wir ihr abwechselnd den Löffel in den Mund stecken oder vielmehr über die Lippen ziehen. Als Ansprache für die drei Kollegen im Aufenthaltsraum läuft übrigens die Wiederholung von „Anna und die Liebe“. Da sag noch einer, die Senioren von heute seien nicht auf der Höhe der Zeit.

Nach dem Essen bringen wir sie in ihr Zimmer. Die Einrichtung erinnert an bessere Zeiten. An Zeiten, in denen sie noch Zeitung und Bücher lesen konnte. An Zeiten, in denen sie noch telefonierte und fernsah. Und die Fotos zeichnen das Bild eines langen, erfüllten Lebens, einschließlich der trashigen Fotos ihrer Enkel aus den 1980er Jahren.

Wir sind beide einigermaßen hilflos in der Situation, versuchen noch eine zeitlang, mit ihr zu sprechen. Schließlich geben wir auf und gehen nach Hause. Personal haben wir bis zum Schluss leider nicht angetroffen.

Mich hat das Erlebnis aus vielen Gründen bewegt. Weil ich es schlimm finde, dass meine Oma so alt werden muss. Weil ich es schlimm finde, dass die Betreuungs- und Lebensqualität im Altenheim so schlecht ist (das ist explizit kein Vorwurf ans Pflegepersonal, das sicher sein möglichstes und angesichts des Gehalts zu viel tut). Weil ich es schlimm finde, dass ihr Aufenthalt dort trotzdem die kompletten Ersparnisse ihres gesamten Lebens aufzehrt. Weil ich es schlimm finde, dass ich es für selbstversändlich gehalten habe, wie meine Mutter sich unermüdlich um sie kümmert. Und weil ich es schlimm finde, dass ich dem hilflos gegenüberstehe.

Da die Gesellschaft immer älter wird und gleichzeitig eine große Finanzierungslüscke klafft, wird es meiner Generation noch deutlich schlechter gehen im Alter. Deshalb habe ich zwei große Wünsche: Erstens, dass wir als Gesellschaft eine Lösung für würdevolles, individuelles Altern finden. Und zweitens, dass mir persönlich ein solches Sterben auf Raten erspart bleibt.

Rückschau zur Europawahl

Natürlich bin auch ich am vergangenen Wochenende meiner Bürgerpflicht nachgekommen und habe jemanden beauftragt, mich im Europaparlament weise zu vertreten. Dass das nicht selbstverständlich ist, sieht man daran, dass es nicht einmal jeder zweite (genau nur 43,3 % der Wahlberechtigten) für nötig hielt, abzustimmen. Woran liegt das? Frust? Gleichgültigkeit? Terminprobleme?

Obwohl die Wahlbeteiligung in meiner Heimatgemeinde sogar über 50% lag, habe ich ein spezielles Instrument zur Ermittlung der Wahlstimmung genutzt: Den Frühschoppen beim Wirt am Wahlsonntag um 11 Uhr. Ergebnis: Gähnende Leere, keine angeregten Diskussionen, nicht mal Kirchgänger waren da. Da kam mir dann spontan ein Songtext von Reinhard Mey in den Sinn: „Und wenn nun heut nicht grade Sonntag wär, hätten sie uns gewählt“. („Wahlsonntag“ vom Album „Farben“)

Ich finde es enttäuschend, dass ein Parlament, das auf europäischer Ebene immer mehr Entscheidungen trifft, die unsere Lebenswirklickeit beeinflussen, von der Mehrheit der Deutschen nicht gewählt wird. Somit repräsentiert es auch nur eine Minderheit der Wählerinnen und Wähler. Das liegt sicher an der fehlenden Vorstellung, was genau die Europaparlamentarier tun und wie sich das auf uns auswirkt. Die Parteien haben sich in meinen Augen auch nur begrenzt bemüht, dies mit ihrem Wahlkampf zu ändern. Sehr beeindruckt haben mich vor allem die vielen Wahlplakate. Oft stand da pauschal „Ihre Stimme in Europa“, gerne auch garniert mit dem Konterfei einer/eines Unbekannten. Am schönsten fand ich das Plakat der Bayernpartei, auf der nur ihr Logo zu sehen ist. Das ist doch wohl Botschaft genug, oder?

Angesichts der Demokratie- und Bürokratiekosten, die ein Parlament mit über 700 Sitzen und eine Kommission mit über 23000 hochbezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verursacht, meine ich: nein! Liebe Parteien, bitte macht Europa und eure Anliegen begreifbar, begeistert die Wählerinnen und Wähler von euren Themen und Zielen und erweckt vor allem nicht den Eindruck, ihr könntet wirklich etwas ändern. Das seid ihr euren Wählern schuldig und der Demokratie. Wenn sich nämlich der Trend so fortsetzt und die Anzahl der Nichtwähler steigt, fehlt den Parlamentariern jede Legitimation. Zudem nimmt das Gewicht der einzelnen Stimme zu. Das kommt mir zugute, aber leider auch jenen, die eher extreme und wenig demokratische Ansichten vertreten.

Zum Schluss noch zwei Dinge. Einerseits den Werbespot der Bayernpartei, auf den ich gestoßen bin, als ich ein Foto vom Plakat gesucht habe. Ich finde ihn eigentlich erstaunlich gut gemacht, nur dass es eben ausgerechnet bei den Inhalten wieder dünn wird:

Und dann noch ein Schmankerl für unseren Piraten-Wahlkämpfer: in meinem Heimatnest (9191 Wahlberechtigte) haben immerhin 28 Wählerinnen und Wähler für die Piraten gestimmt, das sind 0,6% der 4977 abgegebenen Stimmen. Zum Vergleich: Die Republikaner wählten 41 (0,8%), die DVU 6 (0,1%) Wählerinnen und Wähler meines Wohnortes. Da wirds noch ein weiter Weg werden.

Warum nicht einen Querzahnmolch als Haustier?

Ich bin nicht unbedingt für meine Tierliebe bekannt. Das liegt aber gar nicht so sehr an meinem harten Herz, sondern vor allem an Zeitmangel und vielleicht daran, dass ich als Kind alle möglichen Haustiere ausprobiert habe. Fazit damals: Sie machen jede Menge Arbeit und früher oder später sterben sie doch.

Diese Einstellung erlaubt es mir, mit einer gewissen Gelassenheit auf die Haustiervorlieben in meinem Umfeld zu blicken. Und da ist mir eben dieser Exot begegnet. Ein Freund (eigentlich richtig: seine Freundin) hat sich ein Axolotl zugelegt. Niederbayern nennen diesen Zeitgenossen gerne auch liebevoll Ambystoma mexicanum. Es handelt sich um eine Salamanderart aus Mexiko, die zeit ihres Lebens im Dauerlarvenstadium verharrt und im Aquarium gehalten wird. Das Verdienst, dass diese optisch irgendwo zwischen Kröte und Autoreifen verortbaren Tierchen auch bei uns bestaunt werden können, fällt offenbar Alexander von Humboldt zu.

Die Haltung scheint unproblematisch und erfolgt in der Regel im Aquarium. Auch Teiche bereichern manche offenbar mit Axolotln, wobei meine neue Lieblingswebseite eindringlich vor den Gefahren der Artenverschleppung und der Verdrängung anderer Tierarten durch A. warnt. Also bitte im Aquarium lassen, sonst droht eine Invasion. Und auf die Wassertemperatur von maximal 25 Grad achten, da sind Axolotl eigen: „Zu hohe Temperaturen bedeuten für Axolotl großen Stress und steigern die Krankheitsanfälligkeit drastisch.“ Oh nein! Deshalb werden auch gleich Kühlideen für den heimischen Teich empfohlen, denn wer will sich schon mit Teilwasserwechseln belasten.

Wahrscheinlich fehlt mir das Verständnis, um zu erkennen, was der Reiz dieses Exoten sein soll. Aber das wissen die Kenner viel besser als ich und dementsprechend wünsche ich den Kennern viel Freude mit Herrn Axolotl. Immerhin sind die Anschaffungskosten gering, die „aquristische Ausstattung“ im konkreten Fall vorhanden und er (oder es?) ist sicher in guten Händen. Angesichts der Lebensdauer von mehr als 16 Jahren ist das allerdings schon fast der Bund fürs Leben…

Ziviler Ungehorsam in Zeiten der Globalisierung

Ilse Aigner hat ein Machtwort gesprochen und Genmais in Deutschland verboten. Das erfreut laut Emnid die Mehrheit der Deutschen, vor allem unter Schülern gibt es eine breite Zustimmung zu dieser Maßnahme.  Es sei übrigens keine politische, sondern eine fachliche Entscheidung gewesen. Aber wie üblich ist das ganze nicht so einfach. Annette Schavan hat nämlich ihre Kollegin getadelt. Schließlich könne man nicht einerseits für Forschung und technologische Innovation sein und andererseits die Anwendung verbieten.

Wollen wir nun also Genmais oder nicht? Monsanto sagt uns, warum wir das wollen sollten: Höherer Ertrag, Resistenz gegen Schädlinge und auch gegen den potentesten Schädlingsvernichter aus dem Hause Bayer. Ein Segen also für die gebeutelte Landwirtschaft?

Der Verbraucher ist da ja etwas skeptischer, zumindest vordergründig. Denn ob es wirklich gesund ist, Mais von Feldern zu essen, der vorher mit feinstem Gift „geschützt“ wurde, muss dahinstehen. Und wer weiß schon, was die gentechnisch veränderten Lebensmittel in uns auslösen. Das Dumme ist, dass wir ja in Zeiten der Globalisierung leben. Und es keine wirkliche Kennzeichnungspflicht für Gentechnik in Lebensmitteln gibt. Wissen wir also genau, was wir essen? Und wenn wir keinen Genmais einsetzen, sind unsere Landwirte dann nicht benachteiligt gegenüber ihren Kollegen in Spanien, die ihre Erträge mit Hightechsamen steigern? Und können wir uns den Luxus leisten, in dieser Frage das gallische Dorf zu geben? Von sozialromantischen Themen wie dem Eingriff in die Schöpfung wollen wir jetzt mal nicht reden, das überlassen wir den C-Parteien.

Und dann gibt es da noch ein Problem: Wer sein Feld neben einem „Genfeld“ hat, kann sich fast nicht gegen die Verunreinigung seiner Pflanzen durch den Nachbarn schützen. Denn Bienen und der Wind verbreiten natürlich nicht nur „Gutes“. Das wirft auch die Frage auf, ob ein Feldnachbar, der kostenlos vom Genmais „profitiert“, die Urheberrechte des Herstellers verletzt. Monsanto soll andernorts eigene Kontrolleure einsetzen.

Schön, dass es auch in Krisenzeiten zivilen Ungehorsam gibt. Die Bantam-Initiative ruft ihre Unterstützer dazu auf, ihre Mais-Sorte anzubauen und sich in die „goldene Karte“ einzutragen. Sie zeigt die Anbauorte und soll „Schutzzonen“ definieren, um Genmais zu verhindern. Da es keinen Schutz mehr für private Anbauer gibt, soll dies ggf. einen gewerblichen Eindruck erwecken. In jedem Fall eine sympathische Art, die noch dazu sicher lecker schmeckt…

Mit Frau Aigners Machtwort hat die Initiative nach vier Jahren eines ihrer Ziele erreicht. Steter Tropfen höhlt eben doch den Stein.

In der Krise geht der Trend zum Selbermachen

In Krisen wird gern von den Medien der Trend zum Privaten herbeigeschrieben. „Homing“ oder „Cocooning“ soll das heißen. Soso. Gemeint ist, dass der krisengebeutelte Verbraucher es sich zu Hause gemütlich macht, neue Möbel und einen Fernseher kauft, hochwertige Lebensmittel zubereitet und so an Freizeitangeboten, Gastronomiedienstleistungen und anderen Luxusgütern spart. Cocooning heißt dann wohl auch das Befeuern des Kachelofens und das Anbauen von Salat im eigenen Garten.

Ein schönes Beispiel habe ich kürzlich bei einem Bekannten bewundern dürfen. Er ist recht naturverbunden, sein aktueller Spleen ist die Imkerei. Kein Scherz, mit Haut und Haaren und hoch professionell. Neben Honig und Wachs gehört dazu natürlich auch Met. Selten so gute Honigwaren genossen.

Jedenfalls ist er jetzt einen Schritt weiter gegangen und hat sich eine Destille gekauft, um experimentell Schnaps zu brennen. Und dem ersten Experiment durfte ich beiwohnen. Eine besondere Athmosphäre. Nicht nur, dass die Apparatur wirklich nach do-it-yourself aussieht. Das ganze Ensemble und die kindliche Begeisterung, mit der er drum herumtanzt, beeindrucken mich.

Die Schnapsapparatur des großen Meisters
Die Schnapsapparatur des großen Meisters

In Kürze der Versuchsaufbau: Er hat Kräuter in feinem Kornbrand eingelegt und will daraus nun Hochprozentiges gewinnen. Dazu wird mit einem Brenner die Flüssigkeit erhitzt. Der Alkohol kondensiert im Kühlsystem und wird gesammelt. Das Wasser verdampft.

Die Fingerprobe schmeckt eher nach Medizinbedarf als nach Hochgenuss, aber in diesem Fall ist der Weg das Ziel. Ich habe spontan eine Assoziation zum Physikunterricht vor gefühlten 100 Jahren. Ich bin sicher, mit so einem Lehrer hätte sogar ich Spaß an Naturwissenschaften gehabt!

Gehen oder bleiben?

Die typische Fragestellung jedes abhängig Beschäftigten, nehme ich an. Immer das gleiche Dilemma: Es gibt reizvolle Aspekte am Job, man ist etabliert, weiß, wie der Hase läuft, hat Freiheiten und Beziehungen, die das Berufsleben einfacher machen. Andererseits sind da die vielen täglichen Nadelstiche, die Unzulänglichkeiten, der Streß, die strukturellen Defizite und die Frustration.

Also heißt es umschauen, orientieren, „Marktwert testen“. Und dann heißt es abwägen und entscheiden.

Ich liebe meinen Beruf, aber ich bin wirklich müde. Es gibt Tage, an denen es wirklich schwerfällt, für unseren Laden gerade zu stehen. Vor allem dann, wenn 80% des Managements keine oder fragwürdige Visionen haben und kein erstrebenswertes Ziel vor Augen. Ich fühle mit Sysiphus, nur dass mein Stein ein großer Quader ist und er nicht nur wieder runterrollt, sondern die feinen „Kollegen“ auch noch draufsitzen, um ihn zu beschweren. Und dann sind da die aktiven Bremser, die bergab statt bergauf ziehen.

Wie komme ich da raus? Ich weiß es nicht, aber ich werde mich entscheiden müssen. Es lohnt sich nicht, sich für das System aufzuarbeiten. Die Frage ist, ob es anderswo zwingend besser ist? Aktuell habe ich mich gegen eine spannender neue Herausforderung entschieden, weil sie keine besseren Perspektiven geboten und zudem noch stressiger gewesen wäre als der bisherige Job. Ein Teil der Entscheidung hatte aber sicher auch mit Angst zu tun. Was mich am meisten frustriert, ist dass mich der aktuelle Job so einspannt, dass ich keine Ruhe habe, um an Perspektiven zu bauen. Und genau das werde ich ändern…

20 Jahre geeintes Deutschland: zynische Erinnerung

Fluter heißt das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB). Klingt spießig, ist aber mitunter ein journalistisches Kleinod, seit das Heft von einem Teil der ehemaligen Jetzt-Redaktion gestaltet wurde. Inzwischen hat der Verlag nach meiner Kenntnis gewechselt, aber aus alter Verbundenheit habe ich mein Abo behalten.

Im aktuellen Heft geht es um die DDR vor und nach der Wende. Anlass sind 20 Jahre geeintes Deutschland, die Themen drehen sich um historische Fakten, wirtschaftliche Zusammenhänge, die Privatisierung der Volkseigenen Betriebe, das Ministerium für Staatssicherheit, den Aufbau Ost und kleine Wirtschaftswunder nach der Wende. Aber auch um Themen wie Integration oder die ungesühnten Morde an der deutsch-deutschen Grenze.

Alle diese Themen kennt man in der Regel, aber sie verblassen doch im Alltag. Deshalb habe ich mich gefreut, dass mir Fluter Gelegenheit zum Reflektieren gab. Und ich habe etwas Neues gelernt: über die Genex, die Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH der DDR. Das war im Prinzip ein Katalog, in dem Westkunden für Bekannte und Verwandte im Osten für D-Mark Waren bestellen und direkt in den Osten liefern lassen konnten. Ziel des Unternehmens war die Devisenbeschaffung für den Arbeiter- und Bauernstaat – am Ende 3,3 Milliarden DM. Ich finde es nicht nur zynisch, dass damit die einen Vorteil hatten, deren Westverwandtschaft ihnen etwas aus dem Katalog bestellte. Ich finde es besonders zynisch, dass es dort auch Ostwaren wie den guten Wartburg zu kaufen gab – zu DM-Preisen und ohne die übliche Wartezeit. Verrat am Sozialismus und am eigenen Volk, könnte man sagen. Aber das gabs ja öfter im gescheiterten Projekt DDR…

Teures Klassenzimmer auf hoher See

Passend zur anderen Schule haben die feinen Herren ein feines Projekt aufgespürt: das Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Das Ziel: 30 Gymnasiasten der 10. Jargangsstufe verbringen sechs Monate ohne Schulverlust auf einem traditionellen Segelschiff. Dabei lernen sie neben den eigentlichen gymnasialen Unterrichtsfächern den 24-Stunden-Schiffsbetrieb und viele fremde Länder und Kulturen kennen. Durch die besonderen sozialen Umstände (gemeinsam die Herausforderung der Atlantiküberquerung auf engstem Raum meistern) entstehen besondere gruppendynamische Prozesse. Ein neuer Aspekt soll auch die Verbindung von Schiff und Heimat mit Hilfe digitaler Medien sein.

Geleitet wird das Projekt von Wissenschaftlern und einem erfahrenen Nautiker. Ein Team von Pädagogen kümmert sich mit Wissenschaftlern und einer professionellen Crew um die Schülerinnen und Schüler.

Was ist daran falsch? Erstmal gar nichts, auch wenn die Projektwebseite schon eher nach Urlaub als nach Unterricht aussieht. Der Werbefilm enthält auch einige Argumente, die sicher für die Entwicklung junger Menschen nicht schlecht sind.  Die Idee ist auch nicht neu. Was mich allerdings stört, ist, wem das Projekt zugute kommt. Mit „Projektkosten“ von 2390 Euro im Monat ist der Spaß nämlich nicht ganz billig. Das führt dazu, dass die 30 Teilnehmer jährlich sicher eher privilegierten Elternhäusern entstammen, was nicht unbedingt zu mehr Bildungsgerechtigkeit beiträgt. Die Kosten sind natürlich irgendwo gerechtfertigt, schließlich muss das Schiff gechartert und das umfangreiche Begleitpersonal bezahlt werden. Satt werden wollen auch alle und nach Möglichkeit sollte der Kahn auch nicht absaufen, was Investitionen in die Sicherheit aller Beteiligten erfordert.

Zwar sucht das Team aktuell nach Sponsoren, aber ich frage mich, was das bringen soll. Kostet der Törn dann nur noch 2000 Euro monatlich? Dann ändert sich der potenzielle Teilnehmerkreis nicht. Besonders brisant: ist es wirklich gerechtfertigt, für ein solches Leuchtturmprojekt öffentliche Mittel einer Universität einzusetzen?

Welche konkreten Erkenntnisse bringt das Projekt für die Forschung? Wie verbessert es die Bildungslandschaft in Deutschland für die daheim Gebliebenen? Mir scheint, hier ist eher Skepsis geboten. Natürlich gibt es auch auf kritische Fragen professionelle Antworten. Leider überzeugen sie mich nicht.

Coffee „your way“

Heute Morgen hatte ich eine Begegnung der dritten Art. In einem intimen Raum, in dem man den kommerziellen Aggressoren ungeschützt ist, weil man schlaftrunken vor sich hin- und an nichts Böses denkt: in der S-Bahn.

Plötzlich schleicht sich also eine junge Dame an, baut sich vor mir auf und brüllt mir ein viel zu engagiertes „Guten Morgen“ entgegen. Ich bin kurz etwas irritiert und greife wie in Trance nach meinem Fahrschein, als mir klar wird, dass die Dame in ihrem weißen Overall, der wirkt wie ein Weltraumanzug für Arme, den gar nicht sehen will. Stattdessen bietet sie mir kostenlosen Kaffee an. „Gerne“. Na dann. Ihr Kollege, ebenfalls im Weltraumanzug, hat einen von diesen Getränkerucksäcken dabei, wie man sie ab und an im Fußballstadion sieht. Daraus füllt er mir Kaffee in einen Pappbecher ab. Wie praktisch, der Kaffeeweißer ist schon mit drin. Schlechter Service: die profane Frage nach Zucker wird negativ beschieden. Stattdessen gibts einen Frühstücksgutschein von der Burgerkette, die diesen Kaffeeservice anbieten.

Ich hasse Kaffee ohne Zucker. Aus Höflichkeit nippe ich trotzdem an dem Gesöff und ärgere mich über mich selbst, weil ich mich habe überrumpeln lassen und nicht nein sagen konnte. Selten einen so schlechten Kaffee getrunken. Ein paar Gedanken spuken durch meinen Kopf, die wohl von den Ereignissen in der Türkei inspiriert sind. Wer weiß, was die da wirklich ausschenken…

Zurück zum schlechten Kaffee. Ich kann mich nicht überwinden, ihn ganz zu trinken und kippe ihn stattdessen in den Mülleimer. Der angeregte Stuhlgang begleitet mich noch bis zum Nachmittag. Mal sehen, ob ich auf das Einlösen des Frühstückgutscheins nicht doch lieber verzichte. Und ich hoffe doch stark, dass die Intimzone S-Bahn künftig nicht regelmäßig von Promotern heimgesucht wird. Soviel Gutes erträgt niemand am frühen Morgen. „Have it your way“. Genau.