Allein unter Haltern

Was man nicht alles so erlebt in einer Messewoche. Zum Beispiel einen Abend im Brauhaus. Eher verkrampfter Businessausklangabend, internationale Besetzung, alle im Tagesoutfit und eigentlich schon zu müde, aber was solls. Die Speisen sind deftig, das Bier hausgemacht. Also rein. Erste Komplikation des Abends: ein Fernsehteam filmt den Betrieb in der Kneipe. Dazu passend sind die Räume mit 12 Millionen Lux ausgeleuchtet, damit kein Pickel verborgen bleibt.

Die zweite Komplikation ist Jürgen. Er hat seine Freunde dabei: zwei Keyboards, einen Rechner und ein Mikrofon. Pünktlich um neun legt er los mit einem reichlich lauten Udo-Jürgens-Medley. Als er „siebzehn Jahr…“ anstimmt, tritt der GAU ein. Am Tisch neben uns feiert eine Schulklasse auf Klassenfahrt den – na klar – 17. Geburtstag von Sandra, die auch noch blond ist. Deshalb stehen spontan alle auf den Tischen und grölen mit. Jürgen ist von der Performance ebenso beeindruckt wie wir und gibt gleich in der ersten Session alles: über den Wolken, das Lasso, Country Roads, nichts läßt er aus. Das Fernsehen ist begeistert von telegenen jungen Damen auf den Bänken und läßt uns in Ruhe. Bei der Reeperbahn schunkle ich mit wildfremden Businesskontakten. Großes Tennis. Der eigentliche Sinn des Abends, der kollegiale Austausch, ist ob der Lautstärke abgehakt, wir widmen uns Bier und Wein. Jürgen beginnt seine küsntlerische Abwärtsspirale, die Pet Shop Boys müssen für ein selbst gedichtetes Lied der Schulklasse herhalten, das eine Hymne der Kneipe zu sein scheint. Die Bedienung nimmts gelassen und füllt ungefragt die Gläser nach. Ich verschwinde bald…