Nicht nur aus Butter kann man Berge bauen

Mülltrennung ist ja ein durch und durch deutsches Thema. Wohl keine andere Nation sortiert mit so viel Hingabe bereitwillig 17 Sorten Kunststoff, trennt Windeln von Teebeuteln und spült auch gerne mal ein Tetrapak aus, bevor es in den gelben Sack kommt. Auch mit Überproduktion haben wir so unsere Erfahrungen, den Agrarsubventionen sei dank. Zuletzt sorgten die Milchbauern für Aufsehen, als sie die gute Milch in den Gully kippten, die niemand angemessen vergüten will.

Nun also haben wir einen neuen Butterberg: Es ist reichlich Impfstoff gegen die Neue Grippe übrig. Freunde, seid ihr noch zu retten? Kann das alles wahr sein? Erst Panik, der Impfstoff komme viel zu spät, es seien zudem viel zu wenig Impfdosen geordert worden (böse Industrie, böse Behörde). Dann kommt der Impfstoff, ist aber für Risikogruppen unverträglich und irgendwie auch nicht so richtig qualitätsgesichert, wird schon schiefgehen (böse Industrie). Und außerdem kann Spitzenpolitikern und Schlüsselfunktionen selbstverständlich nicht der reudige Impfstoff zugemutet werden, den das gemeine Volk bekommt (böse Behörde). Dann ist der Impfstoff da, aber keiner geht hin (böses Volk!). Und überhaupt, kann niemand sagen, ob die Impfung denn nun hilft und ob Grippe oder Impfstoff gefährlicher sind (böse Ärzte, böse Industrie). Manch einer soll während des Abwegens vom Blitz getroffen worden sein (böser Blitz, böse Stochastik).

Dann kommt alles erstmal weniger schlimm als erwartet mit der Rüsselseuche (alle habens natürlich vorher gewußt, böse Behörde) und der feine Impfstoff wird ja nun nicht besser (böse Industrie). Gut, dass da schnell eine Lösung gefunden wird. Der böse Hersteller, der hergestellt und geliefert hat, was bestellt wurde, soll die Ladenhüter gefälligst zurücknehmen. Was auch sonst? Wie kann die böse Industrie glauben, die böse Behörde hätte wirklich das haben wollen, was sie bestellt hat? Dann hätte sies doch gesagt. Und überhaupt, Schwamm drüber und weg mit dem Schrott. Und zwar per Erwachsenen-Ebay nach Iran und in den Kosovo. Die Menschen dort warten sicher schon auf diesen Segen. Es ist wie immer: Die böse Behörde kann sich hier ein Verhalten leisten, das dem Endverbraucher in der Regel nicht zusteht. Oder kann ich Medikamente umtauschen? Dann würde ich gern ACC gegen richtig harte Sachen tauschen. Meine Tabletten dürfen dafür gerne in Drittländer verklappt werden, am besten ohne Chargenkennzeichnung und Beipackzettel, das macht nur Ärger.

Ach ja, und wenns nicht klappen sollte mit dem nationalen Abwracken der Glaswaren: Weißglas darf in den Container, aber die Flüssigkeit gehört vorher entsorgt. Und bitte nicht in der Spüle, sondern beim Giftmobil, gell? Außerdem gehört der Alurand abgetrennt und auch der Kunststoff, durch den die Nadel sticht, gehört sortenrein entsorgt. Da müßte man nochmal im Beipackzettel lesen, ob das nun PE oder PET ist, sicher ist sicher.

Ein hervorragender Beitrag zu politischer Glaubwürdigkeit und ein leuchtendes Zeichen souveränen Krisenmanagements. Hallo? Gibt es auf diesem Planeten einen Entscheider, dem das peinlich ist? Der- oder Demjenigen bin ich für einen Kommentar zu diesem Artikel dankbar.

Bis in zehn Jahren!

„Eine gewisse XY hat mich zum Klassentreffen eingeladen. Kennst du die?“ schrieb mir ein Freund vor einigen Wochen. Klar kannte ich sie. Kaum zu glauben, dass es schon zehn Jahre her sein soll, seit wir gemeinsam Abitur gemacht haben. Am zweiten Weihnachtsfeiertag traf sich über die Hälfte unseres Abiturjahrgangs in der Schule, unserer ehemaligen Wirkungsstätte.

Ein komisches Gefühl, nach so vielen Jahren wieder an dem Ort zu sein, der einen viele Jahre geprägt hat. Neun Jahre habe ich hier verbracht, Tiefen, aber vor allem viele Höhen erlebt, wenn auch selten im Unterricht. Es war eine schöne Zeit damals und so viel Freiheit suche ich seitdem vergebens. Aber wir wollen ja nicht gleich sentimental werden. Den Auftakt des Abends macht also ein Rundgang durch unsere Schule. Unser Guide ist Teil unserer Vergangenheit, ich hatte ihn im Wirtschafts-LK. Lehrer aus Überzeugung, hart, aber fair. Er zeigt uns den Anbau, die provisorischen Klassenzimmer in Containern, die Cafeteria, die Mensa, die Schließfächer. Fast alles Dinge, für die wir schon damals gekämpft hatten. Die Schule ist also von 850 auf 1200 Schüler gewachsen, wirklich verändert hat sich aber nichts. Seltsam und schön zugleich.

Anschließend geht es weiter in eine örtliche Kneipe, den Lehrer nehmen wir natürlich mit. Mehr als die Hälfte des Jahrgangs ist gekommen, erstaunlich eigentlich, waren wir doch kein homogener Haufen, sondern eher viele höchst unterschiedliche Cliquen. Dann beginnen die klassischen Klassentreffengespräche: Wo bist du, was machst du, was ist aus… geworden. Tja was? Juristen, Architekten, Ingenieure, Sozialarbeiter, Unternehmensberater, Ärzte, Bühnenbildner, Tourismusmanager, Wirtschaftsexperten, Controller, Journalisten, all so was. Alle hoch qualifiziert, wenige verheiratet, kaum Eltern unter uns.

Die schönen Frauen sind noch schöner geworden, die Freaks sind Freaks geblieben. Den BWLer-Tisch lasse ich aus. Schon gegen Mitternacht löst sich die Runde auf, „bis in zehn Jahren“ verabschieden sich einige und verschwinden weiter ins Nachtleben. Seltsam oberflächlich bleiben die Gespräche, wenige scheinen sich wirklich Zeit zu nehmen für den Abend. Dabei sind wirklich einige sehr spannende Menschen unter uns.

Wenige Tage vor dem Klassentreffen hatte ich beim Umzug einen Text gefunden, den ich 1997 für die Schülerzeitung geschrieben hatte. „Menschen“ ist sein Titel und er handelt von Oberflächlichkeit, Freundschaft, Respekt, Revolution, Engagement, Gemeinschaft, großen Themen der Jugend also. Und der Gegenwart, wie sich an diesem Abend zeigt. Und klar wird: So sehr wir damals gegen das System aufbegehrt haben, so sehr sind wir heute Teil davon. Erschreckend, wie einen zehn Jahre Leben und Alltag verändern können.

Was also bleibt von diesem Abend der Erinnerung? Die Freude über einige Gespräche und Begegnungen, ein fader Beigeschmack und die Erkenntnis, dass wir uns verändert haben. Wo wir wohl in zehn Jahren stehen? Man darf gespannt sein.