CDU 2.0

Jetzt ist es also so weit. Die großen Volksparteien in Deutschland entdecken das Internet und insbesondere social software, in Niederbayern auch „Mitmach-Web“ genannt, für ihre Wahlwerbezwecke. Den Startschuss bildete nach meiner Beobachtung – wenn auch zaghaft – die Hessen-Wahl. Mein persönliches Highlight: das ZDF gibt sich jugendlich mit „Wahl im Web“ und läßt Markus Kafka mit Netscouts und Kompetenzträgern aus der Wissenschaft die Reaktionen im Web von Parteien und Politikern auf die Geschehnisse analysieren. Da ist echte Innovation geboten: Twitter wird erklärt, eine Skype-Schalte in eine Videoblogger-Kommune lockert die recht improviserte Moderation auf und eine weitere Akteurin scannt einen Chat zur Sendung und gibt immer wieder Impulse. Insbesondere bei Herrn Kafka hatte ich allerdings den Eindruck, dass er nicht ganau wußte, wovon er sprach.

Was soll ich sagen? Mir wird deutlich, dass Deutschland sich beim e-campaigning etwas schwerer tut als dies das große Vorbild der e-Politiker vorgemacht hat. Insbesondere die echte Einbindung, Aktivierung und Organisation komplett privater und ehrenamtlicher Unterstützergruppen, die bei allen Chancen natürlich auch ein großes Risiko für Politiker und Parteien darstellt, gelingt noch zu wenig. Dabei könnte sie in der Tat für eine ganze Generation zu einer neuen Möglichkeit werden, sich in die Politik einzubringen. Gut, das die feinen Herren vorbereitet waren auf den Wahlmarathon 2009. Ein gutes Buch, ganz ehrlich.

Jetzt gehts mit dem Bundestagswahlkampf um die Wurst, und da ist jedes Mittel recht. Deshalb gabs ein Redesign der großen Parteiseiten und auch der community-Gedanke kommt nicht zu kurz. Ganz weit vorn: das teAM Deutschland. Ich muss zugeben, ich hab für den Wortwitz ein bißchen länger gebraucht, aber ich gelobe Besserung. Und wer den Werbespot Trailer



erlebt hat, muss eigentlich dabei sein. Ehrlich, ich hätte fast geweint. „Es geht um unser Land“. Dann wecken Sie mal den Präsidenten. „Du schreibst Geschichte“. Wow. Am besten gefällt mir der Beta-Zusatz auf der teAM-Webseite, das ist Anarchie mit Krawatte! Jedenfalls werden die feinen Herren den digitalen Wahlkampf aufmerksam begleiten, an Medien dazu fehlt es ja nicht. Und unabhängig von politischen Überzeugungen ist das mediale Phänomen in jedem Fall spannend genug, um dranzubleiben.

Zartes Spiel zwischen Politik und Pädagogik

Weil gerade Lehrermangel herrscht, wird die Politik kreativ. Unternehmen sollen also ihre Besten für zwei Stunden pro Woche an die Schulen schicken, um Unterricht zu halten – unbezahlt, versteht sich. Begründung: die Absolventen, die den Lehrerberuf ergreifen, seien nicht die Besten ihrer Jahrgänge. Als Indikator wird ausgerechnet der Abiturschnitt herangezogen.

Den Vorschlag finde ich zynisch. Nicht nur, dass es sehr seltsam anmutet, Menschen ohne pädagogische Qualifikation aus Unternehmen stundenweise  unbezahlt auf unsere Zukunft loszulassen. Als käme es nur auf die fachliche Kompetenz an und nicht auf die Kunst des Vermittelns und vor allem auf die menschliche Begleitung und die Identifikation mit den Menschen, denen man das Lernen beibringt und ein selbstbestimmtes Teilhaben an der Gesellschaft ermöglicht. Außerdem wirkt das sehr dankbar gegenüber denjenigen, die sich Tag ein, Tag aus im undankbaren Lehrerberuf einbringen, alle Widrigkeiten des Alltags ertragen und sich nicht nach 2 Stunden aus der Affäre ziehen können. Dann noch zu jammern, es würden nicht die Besten eines Jahrgangs Lehrer, erhöht sicher die Motivation.

Und dann der Witz mit den Schulnoten als Indikator. Viele Lehramtsbewerber seien bequem, inkompetent, überfordert sowie unmotiviert. Wer glaubt, diese Eigenschaften ließen sich mit einem Einserabitur ausschließen, muss die eigenen Erfahrungen mit dem Schulsystem schon erfolgreich verdrängt haben.

Lehrer in Baden-Württemberg
Lehrer in Baden-Württemberg: Die Länder buhlen um Absolventen

Insgesamt ist die Situation aber sehr spannend, führt sie doch zum Wettbewerb der Bundesländer um die Nachwuchs-Lehrer. Da zeigen sich auch viele Probleme des öffentlichen Dienstrechts, aber über die schreiben wir ein Andermal.

Wozu Blogs nützlich sein können

Ich gewinne nie was. Meine Mama hat mal einen Kasettenrecorder für mich gewonnen, aber ich – nie!

Aber jetzt hier, gleich die doppelte Chance ein Netbook zu gewinnen. Deshalb Werbung bei feineherren.de:

elexpress lobt hier einen aus und handy flatrate hier. Das war es schon, es folgt kein weiterer Text. Weitergehen, weitergehen…

Krisengewinn 2.0

Gerhard Spannbauer macht normalerweise in Garagen. Kauf, Verkauf, Bau, etc. Ein anständiges Gewerbe. Und weil das Garagengeschäft scheinbar ein aufwandarmes, aber recht lukratives Geschäft ist, hat er ein Buch geschrieben, „Wie man sein Einkommen mit weniger Aufwand verdoppelt“ und bietet seine Weisheiten auch als Vortrag an. Schön und gut so weit, ein Selfmademan mit einem gewissen Mitteilungsbedürfnis. Nicht weiter schlimm, denkt man sich.

Gestolpert bin ich über den guten Herrn Spannbauer jedoch auf www.krisenvorsorge.com. Einer weiteren Seite aus dem Spannbauer-Imperium. Auf der Startseite wird einem sofort klar gemacht um was es jetzt geht. Endzeit. Armageddon.

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Das macht Lust auf mehr.

Herr Spannbauer empfiehlt einen 3 Punkte Plan. Erstens Finanzen sichern. Das geht ganz einfach. Lebensversicherung, Sparbücher und schlechte Mieter kündigen, alles andere verkaufen. Sinn macht nur Bares und Gold, letzteres kann man gleich in seinem Webshop erwerben, er hat die Barren in ausreichender Menge vorrätig. Dafür bezahlt man dann auch gerne 276 Euro Aufschlag, die ganze Lagerhaltung verursacht sicher immense Kosten.

Punkt Zwei: Nahrung. Wenn erstmal die Versorgung durch Aldi zusammengebrochen ist, droht der Hungertod. Deshalb empfiehlt der Rüdiger Nehberg der Garagenindustrie eine ausreichende Vorratshaltung. Am besten Getreide, passende Mühlen und Backautomaten und das Getreide im praktischen 25kg-Gebinde gibt’s ebenfalls im Webshop.

Schließlich seine Tipps für den Bereich persönliche Sicherheit. Armbrüste sind das Mittel der Wahl, weil Schusswaffen dummerweise ja verboten sind. Aber auch sonst gibt es vom Pfefferspray bis zur Steinschleuder alles im Shop. Praktischerweise ist die Einkaufsempfehlung eines „befreundeten Polizisten“ gleich dabei:

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Obwohl es bei der Abnahmemenge schon Rabatte gibt, kommt man auf über 350 Euro, alleine für das Sicherheitszeug.

Und so geht es über zig Seiten, Checklisten und Krisenblog weiter. Jede Menge „Tipps“, denen man am besten gleich im Shop nachkommt, dazu noch ein paar alternative Ernährungstipps und Bücher über Verschwörungstheorien.

Ob der Umsatz stimmt? In jeder Kriste steckt auch eine Chance. Chapeau, Herr Spannbauer, vielleicht sollte ich mir ihr Buch kaufen.

Nachtrag:

Ich bin scheinbar nicht der erste, der über den Herrn Spannbauer gestolpert ist. Auch der hochverehrte Bayerische Rundfunk hat schonmal über den Mann berichtet. Ab 2:26:

Entgangen ist dem Sprachrohr der Bayerischen Landesregierung, dass der gute Mann, gemäß dieser Webseite, in Verbindung mit Scientology gebracht wird. Was auch wieder gut ins Bild passen würde. Ich sag nur Xenu.

Reisfracht

Reis nach Russland zu importieren scheint ein gefährliches Geschäft zu sein. Kaum stimmt was mit der Qualität nicht, wird man versenkt. Die „New Star“ ist sicher kein astreines Schiff gewesen. Wenn man sich die Liste der Hafenstaatskontrollen der letzten Jahre so anschaut, sträuben sich einem alle Nackenhaare. Der Dampfer war gerade einmal vier Jahre alt und in einer Tour auffällig. Die Klassifikationsgesellschaft „New United Marine Services“ ist mir und Google unbekannt. Spricht alles nicht wirklich für ein Qualitätsschiff. Sprich, früher oder später wäre der Kahn eh untergegangen.

Trotzdem finde ich die Mitteilung der russischen Staatsanwaltschaft zynisch. Erst wird der Frachter mit 500 Schuss versenkt und dann sind die untauglichen Rettungsmittel daran schuld, dass acht Seeleute umgekommen sind.

Dankbare Erinnerung

Kaum zu glauben, dass es schon elf Jahre her ist, dass Frau Schilling gestorben ist. Trotz Alltagshektik muss ich oft an sie denken. Sie war unsere Kunstlehrerin und gleichzeitig vieles mehr. Sie hat mich ermutigt und inspiriert, ohne dass ich genau beschreiben könnte, wie und wozu. Aber ich weiß, dass sie und ihre Überzeugung heute Teil meiner Persönlichkeit sind.

Unvergessen der Tag, an dem wir von ihrem Tod erfahren. Sie stirbt viel zu früh, es trifft immer die Falschen. Krebs ist nie gerecht. Wir stellen uns zu dritt in den Schulhof, reichen uns die Hände, schweigen. Die Guten kommen vorbei, fragen nicht, verstehen ohne Worte, reihen sich ein. Zum Schluss sind wir viele, emotional tief bewegt und doch erleichtert, weil wir nicht allein sind. Dann kommen Szenen, Momente, Stunden und Aktionen, die ich nie vergessen werde. Die spontane Idee, ihr eine Sonderausgabe der Schülerzeitung zu widmen. „Bis wann?“ „In drei Tagen ist Beerdigung.“ (Jens): „Ich hol schon mal den Wagen.“ In nur einer Nacht entsteht eine dicke Sonderausgabe, mit Interviews, Nachrufen, Zusammenfassungen ihrer wunderbaren Theaterstücke. Einfach schön. Die Zeitung habe ich immer noch zu Hause. Eine schöne Gelegenheit, mal wieder reinzuschauen und mich an eine wirklich gute Zeit zu erinnen. Und an die Menschen, mit denen ich diesen Lebensabschnitt erlebt habe.

Dann die Beerdigung, wir verteilen die Sonderausgabe, nicht unumstritten. Wir weinen um ein Familienmitglied. Wir treffen uns anschließend zum Kaffee und freuen uns an den Momenten, die wir mit ihr erleben durften. Anschließend wandeln wir wie in Trance durch die Schule und weinen, weil sie fehlt. Schon faszinierend, was ein Lehrer bewirken kann, wenn er einen guten Job macht.

Schließlich der Pakt: wir treffen uns jedes Jahr zum Jahrestag und zu einem Ritual. No one but you in voller Lautstärke, anschließend ihren Brunnen sauber machen, dann zum Grab und einen Stein drauflegen. Es kam, was kommen mußte. Wir wurden älter, zogen weg, hatten Jobs und schafften es natürlich nicht, den Pakt zu erfüllen. Und dennoch verbindet uns noch heute etwas, das über Freundschaft hinausgeht. Wir sehen uns kaum, treffen uns selten, und dennoch teilen wir diese besonderen Erinnerungen. Das hat Kraft und ist echt. Dafür bin ich dankbar.

Erlebniskaffee

Ich habe mit gewisser Begeisterung ein feines Buch gelesen, das mich tief beeindruckt hat und das hervorragend zu den feinen Herren passt. Das werde ich hier an anderer Stelle noch ausführlicher beleuchten müssen.

Im Wesentlichen geht es um neue Perspektiven jenseits der Festanstellung und die Möglichkeiten, die digitale Medien dazu bieten. Genau mein Thema eigentlich. Fehlt nur noch der Mut, dann wird alles gut.

Worüber ich eigentlich sprechen wollte: ein Kapitel handelt von neuen Arbeitsorten und hier insbesondere den Coffeeshopketten, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Offenbar sind noch zu viele Menschen bereit, horrende Summen für seltsame Kaffevariationen zu bezahlen, um sie entweder hektisch mitzunehmen, oder sich eben – möglichst mit Laptop und iPhone – gemütlich niederzulassen und so etwas wie Arbeit zu verrichten. Von wegen Rezession.

Da gibt es ja so einige Prediger. Und nette Parodien wie bei den Simpsons, als sich Bart in dem Einkaufscenter beeilen muss, bevor jeder Laden ein Starbucks ist.

Ich habe also versucht, bei Starbucks so etwas wie Arbeit zu verrichten. Ich muss gestehen, ich bin etwas enttäuscht. Der Kaffee 3,80, es zieht wie Hechtsuppe, die Aussicht und die Musik sind lausig, Sprachkauderwelsch aus gefühlten 40 Nationen und das viel gelobte WLAN kostet schlappe acht Euro die Stunde. Schönen Dank.

Als mir dann noch eine Asiatin ihren Kaffee über Tisch, Laptop und Hose schüttet, ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Wenigstens gabs Völkerverständigung: ich nehme ihre Entschuldigung an, viele Servietten und einen Doughnut (schreibt man das so?), bei dem man nur schwer die Zähne wieder auseinanderbringt. Dazu ein Lächeln, und der Weltfrieden scheint nahe. Jedenfalls könnte man beinahe versucht sein, bürgerlich zu bleiben und einfach im Büro zu arbeiten.

Tischlein deck dich

Ich bin ja eher Gourmand denn Gourmet und mehr der Typ Gulasch und Nudelauflauf, aber der schon erwähnte ISO-Lehrgang bringt es nun mit sich, dass ich über den wortwörtlichen Tellerrand blicke. So ein Lehrgang wird ja meist in irgendwelchen Tagungshotels abgehalten. Das unsrige ist das wohl weniger und bietet ein Restaurant mit angeblich 13 Gault Millau-Sternen. Das sollte damit wohl über dem Niveau unserer Kantine und erst recht über dem meiner Kochkünste liegen. Gestern gab es, nach der Suppe, Rinderhüftsteak mit irgendeiner Kruste an Zeug, vermutlich Rahmwirsing. Sicher bekocht uns nicht der Chefkoch persönlich aber mit den Hüftsteaks vom Aldi bekomme ich ähnliche Ergebnisse hin. Und das ohne ominöse Kruste und Zeug.

Heute, ich war in Eile, weil musste noch rauchen, nur kurz auf den Menüvorschlag gelinst und Tagliatelle an…Sauce geordert. Zu Beginn gab es Champignon-Extrakt Suppe, fein aber doch sehr würzig. Nichts im Vergleich zu den Tagliatelle, mit denen hätte man Notfalls auch die Holteleinfahrt enteisen können. Nicht Mengenmäßig aber Salz war ausreichend enthalten. Es ist ja schön wenn der Koch verliebt ist, aber wird in Restaurants der gehobenen Kategorie heute nicht mehr abgeschmeckt?

Zumindest die Crème brûlée war dann sehr fein und das obwohl ich normalerweise kein Freund von Nachtisch bin.  Sehen wir was morgen kommt und ab nächster Woche gibt es ja wieder Gewohntes aus der Kantine.

Keiserens nye Klæder

Eigentlich wollte ich ja noch was vom ISO 9001 Auditor erzählen, aber ich geh jetzt ins Bett. Nur so viel, beim Bullshit-Bingo hätte man heute im Sekundentakt gewinnen können. Was es da nicht alles gibt. Six Sigma hätte ich für irgendeine High-End Kampfsport mit Wurzeln in der Griechisch-Japanischen Philosophie gehalten. Da gibts sogar ein Gurt-System. Aber irgendwo wird höheres Management wohl esoterisch und man benötigt für jede Unternehmenslage das passende Glaubenskonzept.

Hatten die Lehman Brüder eigentlich auch ein Qualitätsmanagement-System? Die HypoRealEstate hat angeblich eins. Und all die anderen Verbrecher vermutlich auch. Genutzt hat es trotzdem nix. Das zum Thema Fokussierung auf Kundeninteressen. Womit wir wieder beim Bullshit wären…Gute Nacht!