Von Undank und Widerstand im Netz

Am 7. September haben 15 (dabei sollten es doch bei wichtigen Projekten immer 7 sein) selbst ernannte web 2.0-Experten um Sascha Lobo ihr „Internet-Manifest“ veröffentlich. Es erklärt in 17 Behauptungen, wie Qualitätsjournalismus in Zeiten des Internets aussehen sollte.

Ich habe mich zunächst kritisch zu dem Text geäußert, weil ich denke, dass er viele Selbstverständlichkeiten enthält. Und weil ich einigen ihre Überzeugungstat und edlen Motive bei der Erstellung des Textes nicht abnehme, weil es schlichte Interessenvertretung und Existenzsicherung für die meisten Unterzeichner sein dürfte.

Heute habe ich dann Stefan Niggemeiers Reflektion und „Beipackzettel“ zu dem Werk gelesen. Seine Argumentation finde ich vernünftig und verständlich. Und sie passt zur Ankündigung, dass das Manifest der Beginn einer spannenden Diskussion sein kann. Dazu gehören Autoren, die sich offen mit Kritik auseinandersetzen. Respekt. Vor allem, weil es natürlich einfach ist, über die Arbeit anderer zu meckern und sich die Autoren des Manifests somit bewußt der nicht immer konstruktiven Kritik der Netzwelt ausgesetzt haben.

Natürlich sollten wir alle ein Interesse an Qualitätsjournalismus haben, gerade in der heutigen Zeit. Guter Journalismus ist der Garant für Freiheit, selbstbestimmte Lebensteilhabe und Meinungsbildung und ein Grundpfeiler der Demokratie. Dass seine Finanzierung gesichert werden muss und das in Zeiten des kostnix-Internets nicht einfach ist, ist ebenfalls klar.

Spannend jedenfalls, dass die Autoren keine Lösungen anbieten können. Das scheint vielmehr eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu werden, deren Lösung mehr sichern wird als journalistische Qualität und die zugehörigen Arbeitsplätze. Und es wird einmal mehr deutlich, dass es insbesondere in der Politik und bei den etablierten Printmedien zu viele gibt, die von einer kompetenten Nutzung des Internets noch weit entfernt sind.

Die Politik sollte dieses Thema ernst nehmen, weil sie sonst von der nachwachsenden Wählergeneration abgehängt wird. Eine erste Chance dazu böte der Bundestagswahlkampf 2009.

Steilvorlage II

Herr Wiefelspütz, der Politiker mit der neckischen Frisur von der SPD, hat jetzt endlich doch ausgesprochen, was alle schon dachten. Die gegen Kinderpornografie eingerichteten Sperren sollen mittel und längerfristig auf andere „kriminelle Seiten“ ausgeweitet werden.

Im Hintergrund singt leise ein chinesischer Kinderchor „Die Gedanken sind frei“

Sonntag Piraten wählen!

Du verträgst keine Satire, Deutschland

Forrest Gump Soundtrack, ein Haufen Prominente, „Du bist Deutschland“. Jeder kennt den Clip:

Ein begabter Student hat den Beitrag persifliert und einen hübschen Film, passend zu Zensursulas KiPo Wahlkampfthematik gemacht.

Du bist Terrorist from lexela on Vimeo.

Schöne Sache. Was passiert? Die hinter „Du bist Deutschland“ stehende Werbeagentur ‚KemperTrautmann‘ droht mit Abmahnung, sollten nicht die Bezüge zur eigenen Kampagne entfernt werden. Der Schuß könnte nach Hinten losgehen.

Kein Einzelfall, einige Tage zuvor wurde eine Sperrseitenpersiflage von Pantoffelpunk nach Aufforderung durch das Bundesverwaltungsamt gesperrt. Die Zeit berichtet ausführlich.

Und all das im Umfeld des 60ten Geburtstages unserer Verfassung. Schönes Geschenk. Es ist zum Heulen in diesem Land. Das sind doch immer nur die Spitzen der Eisberge die hier zum Vorschein kommen. Wieviele Dummheiten der Politiker und anderer Institutionen werden einfach hingenommen, gar nicht mehr registriert? Ach Scheiße.

von hier und hier

Nachtrag: Alexander Lehmann, der Kreative hinter dem Terroristen-Spot, schreibt in seinem Blog, er habe sich mit den Verantwortlichen der Werbefirma geeinigt. Es ging den Werbefuzzismenschen nur um die Kinder. Genau.

Gehen oder bleiben?

Die typische Fragestellung jedes abhängig Beschäftigten, nehme ich an. Immer das gleiche Dilemma: Es gibt reizvolle Aspekte am Job, man ist etabliert, weiß, wie der Hase läuft, hat Freiheiten und Beziehungen, die das Berufsleben einfacher machen. Andererseits sind da die vielen täglichen Nadelstiche, die Unzulänglichkeiten, der Streß, die strukturellen Defizite und die Frustration.

Also heißt es umschauen, orientieren, „Marktwert testen“. Und dann heißt es abwägen und entscheiden.

Ich liebe meinen Beruf, aber ich bin wirklich müde. Es gibt Tage, an denen es wirklich schwerfällt, für unseren Laden gerade zu stehen. Vor allem dann, wenn 80% des Managements keine oder fragwürdige Visionen haben und kein erstrebenswertes Ziel vor Augen. Ich fühle mit Sysiphus, nur dass mein Stein ein großer Quader ist und er nicht nur wieder runterrollt, sondern die feinen „Kollegen“ auch noch draufsitzen, um ihn zu beschweren. Und dann sind da die aktiven Bremser, die bergab statt bergauf ziehen.

Wie komme ich da raus? Ich weiß es nicht, aber ich werde mich entscheiden müssen. Es lohnt sich nicht, sich für das System aufzuarbeiten. Die Frage ist, ob es anderswo zwingend besser ist? Aktuell habe ich mich gegen eine spannender neue Herausforderung entschieden, weil sie keine besseren Perspektiven geboten und zudem noch stressiger gewesen wäre als der bisherige Job. Ein Teil der Entscheidung hatte aber sicher auch mit Angst zu tun. Was mich am meisten frustriert, ist dass mich der aktuelle Job so einspannt, dass ich keine Ruhe habe, um an Perspektiven zu bauen. Und genau das werde ich ändern…

Andere Schule im Wandel der Zeit

„Schule… anders machen“. Unter diesem Motto gibt es derzeit eine Themenreihe von Stadtschülervertretung, Münchner Schülerbüro und MVHS im Münchner Gasteig. Thema des ersten Themenabends: „Regionale Bildungslandschaft“. Ziel ist es offenbar, diesen etwas sperrigen Begriff zu durchleuchten und konkreter zu fassen. Als Impuls gibt es Kurzfilme, anschließend eine Publikumsdiskussion und schließlich beleuchten drei Experten das Thema näher. Es sind eher wenig Besucher gekommen, insbesondere die Hauptzielgruppe, die Schüler, sind nur vereinzelt vertreten und haben dementsprechend auch einen geringen Redeanteil. Der Moderator vom Münchner Schülerbüro wirkt abwesend und gelangweilt und würgt die meisten Wortmeldungen ab, weil sie nicht zum Thema passten. Was er stattdessen hören will, sagt er leider auch nicht. Überwiegend geht es darum, wie die Zusammenarbeit mit externen Kooperationspartnern das Schulleben bereichern und Lernleistung steigern kann. Als Beispiele dienen leider Leuchtturmprojekte, die so wohl eher selten sind, auch, weil die Finanzierung schlicht regulär nicht gegeben ist. Da ist der Schulleiter einer Münchner Hauptschule ein Lichtblick, der sehr bescheiden seine Bemühungen zu diesem Thema darstellt und sich dabei nicht verstecken muss. Ich habe spontan eine Assoziation zu einem anderen Leuchtturmprojekt, das man mal kritisch beleuchten müßte.

Zum Ende der Veranstaltung gibt es nicht nur Häppchen, sondern der unglückliche Moderator nötigt das Publikum dazu, auf einer unglücklich gewählten Karte beliebte Lernorte in München zu markieren.

Trotzdem empfand ich die Veranstaltung nicht so negativ wie mein Kollege. Denn sie bot Gelegenheit, engagierte junge Menschen kennenzulernen, die sich konstruktiv mit einem wichtigen Thema auseinandersetzen: den Lebensraum Schule mitzugestalten. Dass sie dabei die selben Hürden nehmen müssen wie wie vor über zehn Jahren mag bitter sein, passt aber zum etwas trägen System Schule. Und es stört die Protagonisten von heute nicht, da es für sie eine neue, eine einmalige Erfahrung ist, die mit Sicherheit entscheidende soft skills bei ihnen entwickeln wird, die sie wiederum beruflich brauchen können. Die Gespräche haben mich in jedem Fall fasziniert und ich freue mich, dass die nächste Generation wohl noch nicht ganz abgeschrieben werden muss.

Einen Kommentar konnte ich dank des Moderators an besagtem Abend nicht mehr anbringen, deshalb jetzt hier: neben der Möglichkeit, Schule in idealen Rahmenbedingungen mitgestalten zu können, kann auch Widerstand eine wertvolle Motivationsquelle sein. In diesem Sinne: packen wirs an!

Lost and found

Ganz so viel wars bei mir nicht. Aber ich gebe zu, ich werde alt reif. Und da wird man ja noch vergesslich werden dürfen. Jedenfalls habe ich in der S-Bahn die Hemden vergessen, die ich gerade frisch von der Reinigung geholt hatte. Die lästige Aufgabe des Waschens und insbesondere Bügelns habe ich nämlich seit zwei Jahren outgesourced. Ein feiner Dienstleister. Warum lasse ich sie liegen? Es ist spät, ich bin müde, war zu lange im Büro. Na toll. Ich merke es gleich, als die Türen zugehen. Aber die sind ja nunmal schon zu.

Das mit dem Vergessen könnte natürlich nicht passieren, wenn ich die Hemden nur von der eigenen Waschmaschine ins Bügelzimmer (ist nur ein Scherz) tragen müßte. Aber hinterher ist man immer schlauer. Also die Hemden weg. Sieben Hemden à EK 40 Euro, macht knappe 300 Euro für den Ofen. Weil ich Realist bin, rechne ich nicht mit einem guten Ende. Und überlege schon, wie ich den Büroalltag mit den verbleibenden Hemden bestreiten soll.

Trotzdem ein Blick auf die Webseite der Bahn. Sieben Tage Zeit habe ich also, nach Wuppertal ist es schließlich etwas weit. Anrufen kommt wegen der attraktiven 0900-Hotline nicht in Frage. Also schleiche ich demütig drei Tage später am Hauptbahnhof vorbei, vorbereitet auf Nummer ziehen, unfreundliche Behandlung, lange Schlangen und natürlich ein negatives Ergebnis.

Aber siehe da: nur ein Kunde vor mir, dann die einfache Frage, was ich denn suche. Keine Nummer, kein Formular, kein Argwohn. Ich beschreibe die Fundsache, rechne mit einem komplizierten Verfahren und einer schriftlichen Benachrichtigung. Stattdessen geht sie in den Nebenraum, bringt gleich meine Hemden: „sans des?“ „Des sans!“ Ich fülle noch eine Karte aus und gehe zufrieden mit meinen sauberen Hemden nach Hause. Es gibt sie, die guten Seiten der Bahn!

Der Staat und die Gewalt

SPON berichtet über den Übergriff eines Polizeibeamten auf eine 15jährige, die nach der Fahrt mit dem als gestohlen gemeldeten Auto ihrer Eltern vorläufig festgenommen worden war.

Wenn man auf dem Video sieht, mit welcher Brutalität der Polizist auf das Mädchen losgeht, muss man sich schon fragen, ob er für diesen Beruf geeignet ist. Die Provokationshandlung (unwilliges Schleudern des Schuhs) wirkt nicht besonders aggressiv, die Bilder von seinem engagierten Eingreifen dagegen schon. Ich war nicht dabei, und der Polizeiberuf ist sicher nicht geschenkt immer einfach. Aber das Gewaltmonopol des Staates halte ich schon für so bedeutend, dass die Staatsmacht verantwortungsvoll damit umgehen sollte. Deshalb ist es wichtig, dass der Vorfall untersucht wird und folgerichtig, dass der Beamte suspendiert und angeklagt wurde. Besonders erschreckend finde ich die Gewalt, mit der er das Mädchen an den Haaren zu Boden wirft und dann noch auf die völlig Wehrlose einschlägt. Sein Azubi-Kollege macht als williger Helfer auch nicht die beste Figur, aber das ist wohl sozialer Druck in Reinform. Jedenfalls kann er froh sein, dass sie keinen Atemstillstand bekommen hat, sonst ginge es jetzt wohl um etwas mehr als ein Jahr Haft…

Erlebniskaffee

Ich habe mit gewisser Begeisterung ein feines Buch gelesen, das mich tief beeindruckt hat und das hervorragend zu den feinen Herren passt. Das werde ich hier an anderer Stelle noch ausführlicher beleuchten müssen.

Im Wesentlichen geht es um neue Perspektiven jenseits der Festanstellung und die Möglichkeiten, die digitale Medien dazu bieten. Genau mein Thema eigentlich. Fehlt nur noch der Mut, dann wird alles gut.

Worüber ich eigentlich sprechen wollte: ein Kapitel handelt von neuen Arbeitsorten und hier insbesondere den Coffeeshopketten, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Offenbar sind noch zu viele Menschen bereit, horrende Summen für seltsame Kaffevariationen zu bezahlen, um sie entweder hektisch mitzunehmen, oder sich eben – möglichst mit Laptop und iPhone – gemütlich niederzulassen und so etwas wie Arbeit zu verrichten. Von wegen Rezession.

Da gibt es ja so einige Prediger. Und nette Parodien wie bei den Simpsons, als sich Bart in dem Einkaufscenter beeilen muss, bevor jeder Laden ein Starbucks ist.

Ich habe also versucht, bei Starbucks so etwas wie Arbeit zu verrichten. Ich muss gestehen, ich bin etwas enttäuscht. Der Kaffee 3,80, es zieht wie Hechtsuppe, die Aussicht und die Musik sind lausig, Sprachkauderwelsch aus gefühlten 40 Nationen und das viel gelobte WLAN kostet schlappe acht Euro die Stunde. Schönen Dank.

Als mir dann noch eine Asiatin ihren Kaffee über Tisch, Laptop und Hose schüttet, ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Wenigstens gabs Völkerverständigung: ich nehme ihre Entschuldigung an, viele Servietten und einen Doughnut (schreibt man das so?), bei dem man nur schwer die Zähne wieder auseinanderbringt. Dazu ein Lächeln, und der Weltfrieden scheint nahe. Jedenfalls könnte man beinahe versucht sein, bürgerlich zu bleiben und einfach im Büro zu arbeiten.

Tischlein deck dich

Ich bin ja eher Gourmand denn Gourmet und mehr der Typ Gulasch und Nudelauflauf, aber der schon erwähnte ISO-Lehrgang bringt es nun mit sich, dass ich über den wortwörtlichen Tellerrand blicke. So ein Lehrgang wird ja meist in irgendwelchen Tagungshotels abgehalten. Das unsrige ist das wohl weniger und bietet ein Restaurant mit angeblich 13 Gault Millau-Sternen. Das sollte damit wohl über dem Niveau unserer Kantine und erst recht über dem meiner Kochkünste liegen. Gestern gab es, nach der Suppe, Rinderhüftsteak mit irgendeiner Kruste an Zeug, vermutlich Rahmwirsing. Sicher bekocht uns nicht der Chefkoch persönlich aber mit den Hüftsteaks vom Aldi bekomme ich ähnliche Ergebnisse hin. Und das ohne ominöse Kruste und Zeug.

Heute, ich war in Eile, weil musste noch rauchen, nur kurz auf den Menüvorschlag gelinst und Tagliatelle an…Sauce geordert. Zu Beginn gab es Champignon-Extrakt Suppe, fein aber doch sehr würzig. Nichts im Vergleich zu den Tagliatelle, mit denen hätte man Notfalls auch die Holteleinfahrt enteisen können. Nicht Mengenmäßig aber Salz war ausreichend enthalten. Es ist ja schön wenn der Koch verliebt ist, aber wird in Restaurants der gehobenen Kategorie heute nicht mehr abgeschmeckt?

Zumindest die Crème brûlée war dann sehr fein und das obwohl ich normalerweise kein Freund von Nachtisch bin.  Sehen wir was morgen kommt und ab nächster Woche gibt es ja wieder Gewohntes aus der Kantine.

Keiserens nye Klæder

Eigentlich wollte ich ja noch was vom ISO 9001 Auditor erzählen, aber ich geh jetzt ins Bett. Nur so viel, beim Bullshit-Bingo hätte man heute im Sekundentakt gewinnen können. Was es da nicht alles gibt. Six Sigma hätte ich für irgendeine High-End Kampfsport mit Wurzeln in der Griechisch-Japanischen Philosophie gehalten. Da gibts sogar ein Gurt-System. Aber irgendwo wird höheres Management wohl esoterisch und man benötigt für jede Unternehmenslage das passende Glaubenskonzept.

Hatten die Lehman Brüder eigentlich auch ein Qualitätsmanagement-System? Die HypoRealEstate hat angeblich eins. Und all die anderen Verbrecher vermutlich auch. Genutzt hat es trotzdem nix. Das zum Thema Fokussierung auf Kundeninteressen. Womit wir wieder beim Bullshit wären…Gute Nacht!