Wo ist die stade Zeit geblieben?

Heute ist Heiligabend, Auftakt des Weihnachtsfestes, eines Hauptfestes des christlichen Kirchenjahres. Angeblich ist das ja zum Jahresausklang die Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen, zu sich zu finden, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Außerdem ist Weihnachten oft ein Anlass zur Familienzusammenführung, zum Zusammenkommen und Zusammenfinden. Die so gewonnene Einsicht führt auch zu Zeichen der Nächstenliebe, seien es echte (Besuche, Gefallen, Worte, Zuwendung) oder geheuchelte (Geschenke, Spenden, Massenmails und Facebookgrüße). Dann bedeutet Weihnachten häufig Auftakt zum Jahresabschluss, was dann Abschlussarbeiten, Behördengänge und Aktionen zur Fristwahrung zur Folge hat. Gern genommen ist natürlich auch der Gottesdienstbesuch zur Gewissensberuhigung und Ablasszahlung. Schließlich sind in jeder Familie beliebige andere Rituale Bestandteil von Weihnachten.

Im Vorfeld spricht man gerade in Bayern gern von der staden Zeit, der besinnlichen Vorweihnachtszeit. Mich würde interessieren, wo die geblieben ist. Ich kann sie weder im Arbeitsalltag, noch im öffentlichen Leben wirklich entdecken. Ganz im Gegenteil. Ich erlebe die Adventszeit eher als „ich muss eigentlich noch…“-Zeit. Menschen treffen, Dinge erledigen, Geschenke kaufen, Weihnachtsfeiern besuchen. Dann natürlich auch die Unsitte der Christkindlmärkte (nördlich der Donau: Weihnachtsmärkte) mit jeder Menge reudigem Tand, überteuerten Lebensmitteln und Musik, die niemand hören will. Und im Ergebnis überall Betriebsamkeit, Hektik und Gedränge.

Nicht, dass ich das wirklich belastend finde oder ändern will. Aber dann sollte man es sich eingestehen und in den Medien auch so darstellen. Und für sich die Konsequenz ziehen, unabhängig von der öffentlichen Meinung und dem Weihnachtsfest tatsächlich Zeit für sich zu finden und Dinge zu tun, die einem wichtig sind.

Die feinen Herren wünschen allen Leserinnen und Lesern ein friedliches Weihnachtsfest!

„Das ist Deutschland hier“ – na denn Prost!

Ich weiß, ich bin wieder spät dran, da waren andere schneller. Aber es ist mir ein Anliegen. Unser potenzieller künftiger Außenminister Guido Westerwelle hat sich in der Pressekonferenz nach der Bundestagswahl gleich mal mit Ruhm bekleckert. Da sollte man doch mal laut über das Kompetenzprofil für gewisse Ämter nachdenken dürfen. Ich jedenfalls möchte mich von Ihnen nicht vertreten lassen, sehr geehrter Herr Westerwelle. Schon gar nicht im Ausland.

Was war passiert? In der Pressekonferenz fragt der Kollege der BBC höflich, ob er seine Frage auf englisch stellen dürfe, sicher nicht ohne Grund. Daraufhin druckst Westerwelle herum, weil er dies nicht möchte und verweist auf die Gepflogenheiten auf deutschen Pressekonferenzen. Die BBC fragt daraufhin auf deutsch, bekommt eine banale Antwort. Dann schiebt Westerwelle nach, man könne sich gerne mal zum Abendessen treffen und dort nur englisch sprechen. Offenbar wars ihm selber peinlich…

Nun ist es formal sicher korrekt, auf der Amtssprache zu beharren. Und man wird dem unverhofften Wahlsieger eine gewisse Nervosität zubilligen müssen angesichts dieses historischen Ereignisses. Von Souveränität eines künftigen Außenministers und Vizekanzlers zeugt der Lapsus indes nicht. Er wirkte richtig unbeholfen. Ich habe mich jedenfalls fremdgeschämt!

Über die Qual 14 Tage vor der Wahl

In zwei Wochen soll ich mal wieder Weichen stellen, Verantwortung übernehmen und die Menschen wählen, die meine Interessen im Bundestag vertreten sollen. Wen aber soll ich denn nun beauftragen? In den Medien habe ich den Eindruck, dass die Politik letztlich viel tut, aber wenig bewegt. In der weltweiten Krise hatte letztlich niemand eine Lösung. Stattdessen wurde viel öffentliches Geld sinnlos ausgegeben, um die Symtome zu bekämpfen und die Wähler zu beruhigen, statt die Ursache langfristig zu beseitigen.

Sollte ich also nicht zum Wählen gehen? Eine gute Ausrede hätte ich, schließlich bin ich am Wahlsonntag fern der Heimat. Aber nein, da war ja was. Diese Kombination aus Naivität, demokratischen Idealen und Sorge vor den Extremen. Wählen ist erste Bürgerpflicht. Spießig, aber vermutlich richtig. Nicht wählen ist schließlich auch keine Lösung. Und weil ich mich nunmal nicht um alles selbst kümmern kann und auch noch keine der Parteien angerufen und mir ein Mandat angetragen hat, werde ich wohl doch wieder jemanden nach Berlin schicken müssen.

Wer hilft mir bei der Entscheidung?

Wahlplakate zur Bundestagswahl 2009
Wahlplakate zur Bundestagswahl 2009

Wie gut, dass an jeder Ecke diese informativen Plakate hängen. Sie zeigen mir meine Alternativen auf. Wenn ich die obigen Plakate (aufgenommen an meinem S-Bahnhof) sehe, kann ich mich wohl nur zwischen Leid und Elend entscheiden. Was sollen diese Plakate bewegen? Entweder abgedroschene Phrasen oder Gesichter, die ich vermutlich nie mehr sehen werde. Besonders fein die beiden Kandidaten, denen es offenbar vor lauter Wahlkampfstress nicht mehr möglich war, zum Friseur zu gehen oder sich zumindest zu rasieren. Wäre schon interessant zu erfahren, wie viele Stimmen auf solche Plakate zurückzuführen sind. Um es klarzustellen: meine Stimme habt ihr dadurch nicht bekommen!

Ich fühle mich jedenfalls von den Parteien im Stich gelassen. Ich denke, dass wir da einen gigantischen Demokratieapparat unterhalten, der letztlich nur einen Mangel verwaltet und keinen echten Gestaltungswillen hat. Letztlich geht es immer darum, wiedergewählt zu werden. Das verhindert richtige ebenso wie mutige und kluge Entscheidungen und sorgt für Politikverdrossenheit bei allen, die den Teufelskreis durchschauen.

Von Undank und Widerstand im Netz

Am 7. September haben 15 (dabei sollten es doch bei wichtigen Projekten immer 7 sein) selbst ernannte web 2.0-Experten um Sascha Lobo ihr „Internet-Manifest“ veröffentlich. Es erklärt in 17 Behauptungen, wie Qualitätsjournalismus in Zeiten des Internets aussehen sollte.

Ich habe mich zunächst kritisch zu dem Text geäußert, weil ich denke, dass er viele Selbstverständlichkeiten enthält. Und weil ich einigen ihre Überzeugungstat und edlen Motive bei der Erstellung des Textes nicht abnehme, weil es schlichte Interessenvertretung und Existenzsicherung für die meisten Unterzeichner sein dürfte.

Heute habe ich dann Stefan Niggemeiers Reflektion und „Beipackzettel“ zu dem Werk gelesen. Seine Argumentation finde ich vernünftig und verständlich. Und sie passt zur Ankündigung, dass das Manifest der Beginn einer spannenden Diskussion sein kann. Dazu gehören Autoren, die sich offen mit Kritik auseinandersetzen. Respekt. Vor allem, weil es natürlich einfach ist, über die Arbeit anderer zu meckern und sich die Autoren des Manifests somit bewußt der nicht immer konstruktiven Kritik der Netzwelt ausgesetzt haben.

Natürlich sollten wir alle ein Interesse an Qualitätsjournalismus haben, gerade in der heutigen Zeit. Guter Journalismus ist der Garant für Freiheit, selbstbestimmte Lebensteilhabe und Meinungsbildung und ein Grundpfeiler der Demokratie. Dass seine Finanzierung gesichert werden muss und das in Zeiten des kostnix-Internets nicht einfach ist, ist ebenfalls klar.

Spannend jedenfalls, dass die Autoren keine Lösungen anbieten können. Das scheint vielmehr eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu werden, deren Lösung mehr sichern wird als journalistische Qualität und die zugehörigen Arbeitsplätze. Und es wird einmal mehr deutlich, dass es insbesondere in der Politik und bei den etablierten Printmedien zu viele gibt, die von einer kompetenten Nutzung des Internets noch weit entfernt sind.

Die Politik sollte dieses Thema ernst nehmen, weil sie sonst von der nachwachsenden Wählergeneration abgehängt wird. Eine erste Chance dazu böte der Bundestagswahlkampf 2009.

Die Marke „King of pop“ stirbt?

Heute also hat die Welt Abschied genommen von Michael Jackson, dem großen Künstler und umstrittenen Menschen. Oder dem, was von ihm übrig war. Oder der Marke Michael Jackson.

Das wäre meines Erachtens keine Notiz wert, ein Nachruf in üblichem Umfang reicht völlig aus. Aber aus seinem Tod wird ein solches Medienspektakel gemacht, dass es mir doch eine Notiz wert ist.

Obwohl ich mich gerade in den entlegensten Winkeln tummle, konnte ich den Spekulationen, Liveübertragungen, Expertenstatements, Exklusivvideos und natürlich den O-Tönen der trauernden Fans nicht entgehen. Was soll das? Wen interessieren all diese Details? Woran er gestorben sein könnte, wo er beerdigt wird, in welchem Sarg, wer das Sorgerecht für die Kinder bekommt, wer Tickets (!) für seine Trauerfeier ergattert. Und wie siehts mit der journalisitischen Ethik aus? Ohne Berichterstattung kein Hype, ganz einfach. Und bei mitgeschnittenen Notrufen hört der Journalismus schon lange auf, liebe Freunde.

Und dann die Fans, die vor Neverland campen, jedem Gerücht hinterherreisen und dann noch entrüstet sind. Oder die Logorrhoe in Mikrofone sprechen und am liebsten mit ihrem Idol sterben möchten. Gehts noch? Als hätte die Welt keine anderen Sorgen. Fragt sich außerdem, wo all diese Unterstützer waren, als er wegen zweifelhafter Vorlieben vor Gericht stand.

Ansonsten ist natürlich die mediale Aufmerksamkeit hervorragend, schließlich gilt es ja, noch ein paar unbedeutende Schulden des Verstorbenen zu tilgen. Vermutlich haben die Übertragungsrechte an der Trauerfeier einiges erlöst (top und spontan organisiert, übrigens), auch die Tantiemen von den gefühlten zwölf Jahren Radiozeit, die seinen Songs gerade gewidmet werden, können seine Erben sicher brauchen. Und nach dem Fest im Staples Center lassen sich sicher noch ein paar Millionen mit Devotionalien des Künstlers machen, der seine letzten echten Erfolge vor über 20 Jahren feierte. Und ein paar ergraute Stars konnten sich bei seinem Abschied verewigen, was wiederum gut fürs eigene Geschäft sein dürfte.

Bleibt nur zu hoffen, dass seine Überreste bald beigesetzt werden und anschließend Ruhe einkehrt. Ich bin ja mal gespannt, wie wir demnächst damit umgehen, wenn für jede so genannte Person der Zeitgeschichte so ein Aufriss veranstaltet wird. Und ich bin gespannt, ob die Sendezeit für so viele Sondersendungen reichen wird.

Bei so viel globaler Ergriffenheit hier noch meine Theorie: Michael Jackson ist gar nicht tot, die ganze Aktion ist eine Werbekampagne für seine Konzerte in London. Also die Tickets erstmal noch nicht zurückgeben! Wie sich das historisch gehört, wird er am dritten Tage auferstehen von den Toten…

Rückschau zur Europawahl

Natürlich bin auch ich am vergangenen Wochenende meiner Bürgerpflicht nachgekommen und habe jemanden beauftragt, mich im Europaparlament weise zu vertreten. Dass das nicht selbstverständlich ist, sieht man daran, dass es nicht einmal jeder zweite (genau nur 43,3 % der Wahlberechtigten) für nötig hielt, abzustimmen. Woran liegt das? Frust? Gleichgültigkeit? Terminprobleme?

Obwohl die Wahlbeteiligung in meiner Heimatgemeinde sogar über 50% lag, habe ich ein spezielles Instrument zur Ermittlung der Wahlstimmung genutzt: Den Frühschoppen beim Wirt am Wahlsonntag um 11 Uhr. Ergebnis: Gähnende Leere, keine angeregten Diskussionen, nicht mal Kirchgänger waren da. Da kam mir dann spontan ein Songtext von Reinhard Mey in den Sinn: „Und wenn nun heut nicht grade Sonntag wär, hätten sie uns gewählt“. („Wahlsonntag“ vom Album „Farben“)

Ich finde es enttäuschend, dass ein Parlament, das auf europäischer Ebene immer mehr Entscheidungen trifft, die unsere Lebenswirklickeit beeinflussen, von der Mehrheit der Deutschen nicht gewählt wird. Somit repräsentiert es auch nur eine Minderheit der Wählerinnen und Wähler. Das liegt sicher an der fehlenden Vorstellung, was genau die Europaparlamentarier tun und wie sich das auf uns auswirkt. Die Parteien haben sich in meinen Augen auch nur begrenzt bemüht, dies mit ihrem Wahlkampf zu ändern. Sehr beeindruckt haben mich vor allem die vielen Wahlplakate. Oft stand da pauschal „Ihre Stimme in Europa“, gerne auch garniert mit dem Konterfei einer/eines Unbekannten. Am schönsten fand ich das Plakat der Bayernpartei, auf der nur ihr Logo zu sehen ist. Das ist doch wohl Botschaft genug, oder?

Angesichts der Demokratie- und Bürokratiekosten, die ein Parlament mit über 700 Sitzen und eine Kommission mit über 23000 hochbezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verursacht, meine ich: nein! Liebe Parteien, bitte macht Europa und eure Anliegen begreifbar, begeistert die Wählerinnen und Wähler von euren Themen und Zielen und erweckt vor allem nicht den Eindruck, ihr könntet wirklich etwas ändern. Das seid ihr euren Wählern schuldig und der Demokratie. Wenn sich nämlich der Trend so fortsetzt und die Anzahl der Nichtwähler steigt, fehlt den Parlamentariern jede Legitimation. Zudem nimmt das Gewicht der einzelnen Stimme zu. Das kommt mir zugute, aber leider auch jenen, die eher extreme und wenig demokratische Ansichten vertreten.

Zum Schluss noch zwei Dinge. Einerseits den Werbespot der Bayernpartei, auf den ich gestoßen bin, als ich ein Foto vom Plakat gesucht habe. Ich finde ihn eigentlich erstaunlich gut gemacht, nur dass es eben ausgerechnet bei den Inhalten wieder dünn wird:

Und dann noch ein Schmankerl für unseren Piraten-Wahlkämpfer: in meinem Heimatnest (9191 Wahlberechtigte) haben immerhin 28 Wählerinnen und Wähler für die Piraten gestimmt, das sind 0,6% der 4977 abgegebenen Stimmen. Zum Vergleich: Die Republikaner wählten 41 (0,8%), die DVU 6 (0,1%) Wählerinnen und Wähler meines Wohnortes. Da wirds noch ein weiter Weg werden.

Du verträgst keine Satire, Deutschland

Forrest Gump Soundtrack, ein Haufen Prominente, „Du bist Deutschland“. Jeder kennt den Clip:

Ein begabter Student hat den Beitrag persifliert und einen hübschen Film, passend zu Zensursulas KiPo Wahlkampfthematik gemacht.

Du bist Terrorist from lexela on Vimeo.

Schöne Sache. Was passiert? Die hinter „Du bist Deutschland“ stehende Werbeagentur ‚KemperTrautmann‘ droht mit Abmahnung, sollten nicht die Bezüge zur eigenen Kampagne entfernt werden. Der Schuß könnte nach Hinten losgehen.

Kein Einzelfall, einige Tage zuvor wurde eine Sperrseitenpersiflage von Pantoffelpunk nach Aufforderung durch das Bundesverwaltungsamt gesperrt. Die Zeit berichtet ausführlich.

Und all das im Umfeld des 60ten Geburtstages unserer Verfassung. Schönes Geschenk. Es ist zum Heulen in diesem Land. Das sind doch immer nur die Spitzen der Eisberge die hier zum Vorschein kommen. Wieviele Dummheiten der Politiker und anderer Institutionen werden einfach hingenommen, gar nicht mehr registriert? Ach Scheiße.

von hier und hier

Nachtrag: Alexander Lehmann, der Kreative hinter dem Terroristen-Spot, schreibt in seinem Blog, er habe sich mit den Verantwortlichen der Werbefirma geeinigt. Es ging den Werbefuzzismenschen nur um die Kinder. Genau.

In der Kürze liegt die Würze?

Weil die feinen Herren eher kosnervativ sind, können sie manche Dinge wohl nicht verstehen. Und so kommt es wohl auch, dass wir es endlich geschafft haben, ein banales Blog zu starten, während die restliche Welt doch schon Mikro-Blogging betreibt.

Nun ist es ja eine Errungenschaft, dass wir im Internet heute weit entfernt sind von Zeiten, zu denen man mit Nullen und Einsen und der Konsole mit Maschinen sprechen mußte oder als Höchstes der Gefühle im IRC ohne großen Schnickschnack miteinander kommunzierte. Und wie nervig war es, als SMS noch tatsächlich auf 160 Zeichen begrenzt waren.

Aber siehe da: In Zeiten der digitalen Geschwätzigkeit erlegt sich die Blogosphäre eine Beschränkung von nur 140 Zeichen auf und zwitschert Belanglosigkeiten in die Welt – in Echtzeit, versteht sich. Weil die Werkzeuge nicht nur über den Browser, sondern auch aus IM-Diensten und sogar vom Handy per SMS gespeist werden können, könnte ich die Welt also an jedem Augenblick meines Lebens teilhaben lassen. Fragt sich nur, wer das lesen will.

Auch Politiker haben Mikro-Nlogging für sich entdeckt (oder von Strategen für sich entdecken lassen). Angela Merkel scheint nicht überzeugt von Twitter, läßt dann aber doch berichten. Web 1.9 oder so. Und natürlich gibts diverse Fakes.

Ob die Welt so besser wird? Ich jedenfalls freue mich, dass ich mich hier nicht auf 140 Zeichen beschränken muss. Es lebe die Meinungsfreiheit!

20 Jahre geeintes Deutschland: zynische Erinnerung

Fluter heißt das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB). Klingt spießig, ist aber mitunter ein journalistisches Kleinod, seit das Heft von einem Teil der ehemaligen Jetzt-Redaktion gestaltet wurde. Inzwischen hat der Verlag nach meiner Kenntnis gewechselt, aber aus alter Verbundenheit habe ich mein Abo behalten.

Im aktuellen Heft geht es um die DDR vor und nach der Wende. Anlass sind 20 Jahre geeintes Deutschland, die Themen drehen sich um historische Fakten, wirtschaftliche Zusammenhänge, die Privatisierung der Volkseigenen Betriebe, das Ministerium für Staatssicherheit, den Aufbau Ost und kleine Wirtschaftswunder nach der Wende. Aber auch um Themen wie Integration oder die ungesühnten Morde an der deutsch-deutschen Grenze.

Alle diese Themen kennt man in der Regel, aber sie verblassen doch im Alltag. Deshalb habe ich mich gefreut, dass mir Fluter Gelegenheit zum Reflektieren gab. Und ich habe etwas Neues gelernt: über die Genex, die Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH der DDR. Das war im Prinzip ein Katalog, in dem Westkunden für Bekannte und Verwandte im Osten für D-Mark Waren bestellen und direkt in den Osten liefern lassen konnten. Ziel des Unternehmens war die Devisenbeschaffung für den Arbeiter- und Bauernstaat – am Ende 3,3 Milliarden DM. Ich finde es nicht nur zynisch, dass damit die einen Vorteil hatten, deren Westverwandtschaft ihnen etwas aus dem Katalog bestellte. Ich finde es besonders zynisch, dass es dort auch Ostwaren wie den guten Wartburg zu kaufen gab – zu DM-Preisen und ohne die übliche Wartezeit. Verrat am Sozialismus und am eigenen Volk, könnte man sagen. Aber das gabs ja öfter im gescheiterten Projekt DDR…

Teures Klassenzimmer auf hoher See

Passend zur anderen Schule haben die feinen Herren ein feines Projekt aufgespürt: das Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Das Ziel: 30 Gymnasiasten der 10. Jargangsstufe verbringen sechs Monate ohne Schulverlust auf einem traditionellen Segelschiff. Dabei lernen sie neben den eigentlichen gymnasialen Unterrichtsfächern den 24-Stunden-Schiffsbetrieb und viele fremde Länder und Kulturen kennen. Durch die besonderen sozialen Umstände (gemeinsam die Herausforderung der Atlantiküberquerung auf engstem Raum meistern) entstehen besondere gruppendynamische Prozesse. Ein neuer Aspekt soll auch die Verbindung von Schiff und Heimat mit Hilfe digitaler Medien sein.

Geleitet wird das Projekt von Wissenschaftlern und einem erfahrenen Nautiker. Ein Team von Pädagogen kümmert sich mit Wissenschaftlern und einer professionellen Crew um die Schülerinnen und Schüler.

Was ist daran falsch? Erstmal gar nichts, auch wenn die Projektwebseite schon eher nach Urlaub als nach Unterricht aussieht. Der Werbefilm enthält auch einige Argumente, die sicher für die Entwicklung junger Menschen nicht schlecht sind.  Die Idee ist auch nicht neu. Was mich allerdings stört, ist, wem das Projekt zugute kommt. Mit „Projektkosten“ von 2390 Euro im Monat ist der Spaß nämlich nicht ganz billig. Das führt dazu, dass die 30 Teilnehmer jährlich sicher eher privilegierten Elternhäusern entstammen, was nicht unbedingt zu mehr Bildungsgerechtigkeit beiträgt. Die Kosten sind natürlich irgendwo gerechtfertigt, schließlich muss das Schiff gechartert und das umfangreiche Begleitpersonal bezahlt werden. Satt werden wollen auch alle und nach Möglichkeit sollte der Kahn auch nicht absaufen, was Investitionen in die Sicherheit aller Beteiligten erfordert.

Zwar sucht das Team aktuell nach Sponsoren, aber ich frage mich, was das bringen soll. Kostet der Törn dann nur noch 2000 Euro monatlich? Dann ändert sich der potenzielle Teilnehmerkreis nicht. Besonders brisant: ist es wirklich gerechtfertigt, für ein solches Leuchtturmprojekt öffentliche Mittel einer Universität einzusetzen?

Welche konkreten Erkenntnisse bringt das Projekt für die Forschung? Wie verbessert es die Bildungslandschaft in Deutschland für die daheim Gebliebenen? Mir scheint, hier ist eher Skepsis geboten. Natürlich gibt es auch auf kritische Fragen professionelle Antworten. Leider überzeugen sie mich nicht.